Adventskalender 2021

 

 

Schlümml und Karott und die Reise

    1.   Dezember

 

     Der Buchhändler Herr Carlson saß  an einem Fensterplatz im Café am Marktplatz von Ratzhausen und betrachtete von innen das Treiben auf dem Platz. Die Buden und Stände für den Weihnachtsmarkt wurden gerade aufgebaut und ein großer, nein ein sehr großer Weihnachtsbaum wurde aufgestellt. `Der wird ja auch jedes Jahr größer`, dachte Herr Carlson und erinnerte sich an den Baum, den er zusammen mit Frau Lemming, der Bibliothekarin aus der Stadtbücherei, im letzten Jahr nach Hause geschleppt hatte. Die beiden trafen sich jede Woche einmal im Café, seitdem sie im letzten Jahr zum ersten Mal zusammen Weihnachten gefeiert hatten. Auch in diesem Jahr planten sie, das Weihnachtsfest zusammen mit den Freunden Schlümml und Karott zu verbringen. In diesem Moment sah er Frau Lemming mit schnellen Schritten über den Marktplatz eilen. Mit roten Wangen stürmte sie durch die Tür ins Café und sah sich suchend um. Als sie Herrn Carlson erblickte, strahlte sie und setzte sich noch im Mantel zu ihm an den Tisch. „Ich muss Ihnen unbedingt etwas erzählen“, sprudelte sie los. „Ziehen Sie doch…“ Weiter kam Herr Carlson nicht, denn Frau Lemming unterbrach ihn: „Traudl kommt an Weihnachten!“ „Oh, Ihre Schwester aus Mauritius! Wie schön, dass Sie sich dann endlich einmal wiedersehen! Aber nun ziehen Sie doch erst einmal….“ „Ja, und deshalb müssen wir uns überlegen, wie wir Weihnachten alle zusammen verbringen wollen!“. „Ja, das machen wir gleich, aber nun ziehen Sie doch erst einmal Ihren…“ „“Hach, wie ich mich freue, seit fünf Jahren haben wir uns nicht gesehen!“. Herr Carlson gab es auf, Frau Lemming dazu zu bringen, den Mantel auszuziehen. So saß sie da in ihrem roten Mantel, den bunten Handschuhen und einer dicken Wollmütze und strahlte wie der Weihnachtsbaum persönlich.

 

 

 

 

2. Dezember

 

  

„So langsam haben wir aber genug Zweige“, brummelte Karott vor sich hin, „ der Korb wird mir zu schwer“. Der Hase wurde langsam mürrisch. Aber Schlümml, die Schildkröte,  hörte gar nicht hin und ging mit gebeugtem Hals ein ganzes Stück vor ihm her, um nach heruntergefallenen Tannenzweigen zu suchen. Die beiden Freunde gingen durch den Wald, um nach Zweigen für einen Adventskranz zu suchen, den Schlümml für den Buchhändler Herrn Carlson binden wollte. „Man hätte doch auch einfach einen Kranz kaufen können“, meckerte Karott weiter und kickte missmutig einen Tannenzapfen vor sich her. Der bekam allerdings so viel Schwung, dass er Schlümml an den Rücken donnerte. Schlümml drehte sich erschrocken um, aber als er den Tannenzapfen sah, hob er ihn auf und rief freudestrahlend: „ Ja, genau!  Zapfen! Die brauchen wir auch noch zur Dekoration für den Kranz! Los, lass uns noch ein paar schöne Tannen- oder Kiefernzapfen suchen, Karott!“ Und schon suchte er mit gebeugter Haltung weiter. Der Hase stöhnte und sein „ Wie um alles in der Welt sieht denn jetzt auch noch ein Kiefernzapfen aus?“ hörte Schlümml schon gar nicht mehr, so vertieft war er in die Suche nach geeignetem Material für den Kranz. „Hoffentlich kriege ich später zur Belohnung wenigstens ein paar Marzipankartöffelchen“, muffelte Karott vor sich hin, während er ein Eichhörnchen beobachtete, dass misstrauisch das Treiben der beiden beäugte. 

 

 

 

 

 

 

Wer von Euch weiß, welcher von den beiden Zapfen ein Tannenzapfen und welcher ein Kiefernzapfen ist?

 

 

 

 

 

 

 

Bildquelle: M.R.

 

 

 

 

 

 

Hier findest Du Malvorlagen zu den Zapfen!

 

Download
Malvorlage Tannenzapfen / Kiefernzapfen
Malvorlage1.jpg
JPG Bild 2.2 MB
Download
Malvorlage2.jpg
JPG Bild 2.1 MB

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Dezember

 

 

„Pling“ und kurz darauf „Plong“ machte die Eingangstür zur Buchhandlung von Herrn Carlson, als Schlümml eintrat. Immer wieder freute er sich über die alte Türglocke, die für ihn das Zeichen für den Eintritt in die wunderbare Welt der Bücher war. Der Laden war leer. „Herr Carlson?!“ rief Schlümml. „Herr Caarlsoon?“ In der hintersten Ladenecke hörte er ein Murmeln und Rascheln, dann sah er ein Stückchen Herr Carlson. Um genau zu sein war es ein Stückchen seines Schuhs. Allerdings war der Schuh viel weiter oben in der Luft als gewöhnlich. Schlümml eilte in die Ecke und dann sah er auch den Rest von Herrn Carlson. Allerdings sah er ihn in umgekehrter Reihenfolge als sonst: Zuerst die Beine und dann den Bauch mit dem Kopf oben dran - naja im Moment eher unten dran. „Herr Carlson, was machen Sie denn da?“ rief Schlümml erschrocken und zog den ziemlich zerzausten Buchhändler an den Händen aus einem Bücherstapel. „ Du kommst wie gerufen, Schlümml“, sagte Herr Carlson, während er sich wieder in die richtige Reihenfolge brachte: Beine nach unten und Kopf nach oben. „Da bin ich doch glatt in den Bücherstapel gefallen, gut, dass Du mich herausgezogen hast“. Dabei versuchte er, seine grauen Haare mit den Händen zu ordnen, was dazu führte, dass die Frisur erst recht aussah wie ein Vogelnest. „Ich habe einen Atlas gesucht, ich war mir sicher, dass ich einen Atlas hier im Stapel habe. Wo kann der nur sein ?“ Herr Carlson machte Anstalten, sich schon wieder in den Stapel zu stürzen, aber Schlümml hielt ihn zurück: „Halt Herr Carlson, warten Sie! Ich wollte Sie erst nach einem anderen Buch fragen.“ Das war die richtige Taktik, denn schon wandte sich Herr Carlson sehr interessiert der Schildkröte zu und fragte: „Oh, wunderbar, welches Buch suchst Du?“ „Ich brauche ein Buch für Karott. Er kennt sich doch nicht so ganz gut aus mit alledem, was es im Wald so gibt. Haben Sie nicht ein Buch über die Tiere im Wald? Karott liebt Bücher doch genauso wie ich und ich bin sicher, Sie haben was Geeignetes!“ Herr Carlson kratzte sich kurz an seiner Vogelnest-Frisur und überlegte. Aber nur sehr kurz. Denn schon schnipste er mit den Fingern und eilte dann in die andere Ecke der Buchhandlung. Mit einem Griff zog er ein Buch hervor. „Hier“, sagte er zu Schlümml und hielt ihm ein Buch unter die Nase. „ Das ist ein wunderbares Buch, man kann stundenlang hineinschauen und entdeckt immer wieder Neues!“ „Wer wohnt denn da im tiefen Wald“, las Schlümml und nahm das Buch vorsichtig in die Hände. „Das sieht nach einem sehr besonderen Buch aus“, sagte er andächtig, „ schon der Einband sieht so schön aus, mit all den Eicheln, Pilzen und Blättern, wie wunderbar“. Und schon saß Schlümml auf dem Sofa in der Leseecke und war in das Buch vertieft.

 

 

 

Hier geht es zur Rezension von:

 

"Wer wohnt denn da im tiefen Wald" von Rachel Piercey und Freya Hartas, erschienen im Insel Verlag

 

 

 

 

 

Bildquelle: Insel Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Dezember

 

Karott drehte mit einem eleganten Schwung die Drehtür zur Bücherei von Ratzhausen auf und stand strahlend vor Frau Lemming, die in ihrem blauen Lieblings-Vorlesesessel saß. „Halli – Hallo Frau Lemming“, rief Karott mit fröhlicher Stimme, aber Frau Lemming, die sonst immer guter Laune war und sich über seine Besuche immer freute, sah ihn heute nur mit traurigen Augen an. „Hallo Karott“, sagte sie leise und erst jetzt sah Karott, dass Frau Lemming einen Brief in ihren Händen hielt. Ein Tränchen war aus ihrem rechten Auge gekullert, das jetzt auf den Brief tropfte. Karott erschrak, denn so hatte er Frau Lemming noch nie gesehen, nicht einmal, als der Bücherdieb ihr zwei besonders schöne Bücher aus der Kinderbuchabteilung gestohlen hatte. „Ohje, Frau Lemming, was ist denn passiert?“, fragte Karott besorgt und zog sich einen Stuhl an den Sessel heran. „Meine Schwester Traudl aus Mauritius will in diesem Jahr endlich einmal wieder nach Deutschland kommen  an Weihnachten.“. „Ja, aber das ist doch kein Grund zum Weinen?“ wunderte sich Karott. „Aber sie fährt mit dem Schiff!“ , rief Frau Lemming und schon wieder drohte ein Tränchen auf den Brief zu tropfen. Karott schüttelte verständnislos den Kopf: „Und was ist daran so schlimm?“ „ Traudl will nicht fliegen, weil sie sagt, dass Flugzeuge die Umwelt verschmutzen. Sie fährt mit einem Frachtschiff mit, das sowieso nach Deutschland kommt, um eine Ladung Kleidung aus Mauritius zu bringen.“ Karott verstand langsam gar nichts mehr. Man konnte seine Nachdenkfalten zwischen den Ohren schon erkennen und er fragte: „ Und was ist an einem Frachtschiff so traurig?“ „Das Schiff steckt in einem Hafen im Suez Kanal fest und kann nicht weiterfahren. Und nun wird Traudl es nicht bis Weihnachten schaffen, hier zu sein!“ sagte Frau Lemming mit verzagter Stimme und nun tropften schon zwei Tränchen auf den Brief. „Oh“, sagte Karott nur und dann noch einmal „Ach“. Vorsichtig zog er den Brief aus Frau Lemmings Händen, um ihn vor dem Ertrinken zu retten, da es nun schon einige Tränchen waren, die auf das Papier tropften. Dabei fiel sein Blick auf das Datum des Briefes: 05.11.2021 . Sein Nachdenkfalten wurden noch etwas stärker. „Wie lange braucht denn so ein Schiff von Maurititus nach Deutschland?“, fragte er langsam. Frau Lemming überlegte: „Mmh, ich glaube, ungefähr 5 Wochen.“ „Und wo genau ist der Suez Kanal?“ „Moment, ich habe einen Atlas, da können wir nachsehen, welche Route das Schiff fährt“, sagte Frau Lemming und verschwand in der Weltkarten-Abteilung. Als sie wieder zurückkam, schlug sie den Atlas auf und beide beugten sich darüber. „Dann schafft es Ihre Schwester ganz sicher noch, rechtzeitig zu Weihnachten hier zu sein!“ versuchte Karott schließlich  die blasse Frau Lemming zu beruhigen. „Meinst du wirklich?“ fragte sie. Noch immer klang ihre Stimme leicht besorgt. „Ja, so weit ist es von dort nicht mehr. Sie werden sehen, am Heiligabend steht sie unter dem Weihnachtsbaum.“ Frau Lemming schneuzte noch einmal kräftig in ihr Taschentuch, aber ihre Stimme klang schon etwas fester, als sie sagte: „Hoffentlich hast du recht, Karott. Und nun mache ich uns einen warmen Kakao.“ „Guute Idee!“, antwortete Karott und ließ sich in den blauen Sessel plumpsen.

 

 

 

5.Dezember

 

 

„Da bist du ja endlich“, rief Schlümml, als er Karott die Tür öffnete. Statt zu antworten, schnüffelte und schnupperte Karott mit seiner Hasennase: „Mhh, Zimtsterne!“ Er zog die Luft nochmals tief ein: „Mhh, Vanillekipferl!“ Er ging mit schnellen Schritten einfach an Schlümml vorbei, schnurstracks dem Geruch nach. „Aaah, Butterplätzchen!“ Schon saß Karott am Küchentisch und schnabulierte von den frischgebackenen Weihnachtsplätzchen. Mit vollem Mund sagte er: „Also Schlümml, das muss man dir ja wirklich lassen, du bist der beste Weihnachtsplätzchenbäcker, der mir je begegnet ist!“ Und schon verschwand das nächste Plätzchen in seinem Mund. Schlümml grinste und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Aber du denkst schon noch daran, dass du auch hier bist, um mit mir den Kranz für Herrn Carlson zu binden, oder?“, fragte er. „Jaja, nur noch hiervon eins…und hiervon… ach und noch ein Marzipankartöffelchen…Du hast dich selbst übertroffen, Schlümml.“ Nachdem Karott ziemlich viele Plätzchen hiervon und hiervon verköstigt hatte, lehnte er sich zurück und strich sich die Krümel aus den Schnurhaaren. 

„Erst die Plätzchen, dann die Arbeit – heißt es nicht so? Wo ist er denn, der Kranz?“ „Den gibt es ja noch gar nicht, wie müssen ihn doch noch binden. Komm, wir gehen auf die Terrasse, da können wir besser mit den Zweigen arbeiten.“ „Brrr, bei der Kälte. Aber danach gibt es Kakao, oder?“ „Ja, abgemacht, aber nun komm.“ Die beiden gingen auf die Terrasse und machten sich daran, aus ihren gesammelten Zweigen einen schönen Kranz zu binden. Er wurde schön dicht und roch so richtig gut nach Wald. Auch Kiefernzapfen hatte Karott dann doch noch im Wald gefunden, die sie nun auf den Kranz steckten. „Und nun noch die Kerzen drauf!“, sagte Schlümml und zog vier gelbe Kerzen hervor. „Was?! Gelb?! Wieso denn gelbe Kerzen? Die müssen rot sein!“, rief Karott ehrlich entrüstet. „Und außerdem“ ,  er schnüffelte wieder, „außerdem riechen die nach…nach….nach Honig! Kerzen, die nach Honigbrot riechen?!“ „Ja, sie riechen wunderbar, findest du nicht?“, fragte Schlümml begeistert. „ Ich habe sie bei Imker Herzog gekauft, er macht die Kerzen aus dem Bienenwachs der Bienenvölker. Die Bienenvölker machen den Bienenwachs selbst, um ihre Nahrung aufzubewahren: den Honig – daher der gute Duft.!“ „Aha. Hmm. Ich weiß nicht“, schien Karott nicht so ganz überzeugt, „ich finde rote Kerzen schöner. Viel weihnachtlicher.“ „Ich bin sicher, Herr Carlson findet Bienenwachskerzen toll. Sie sind auch viel besser für die Umwelt, weil sie keine giftigen Stoffe verbrennen“, beteuerte Schlümml und steckte die vier Kerzen auf den fertigen Kranz. Zufrieden betrachtete er ihr Werk und als er sah, dass Karott noch immer sein Zweifel-Gesicht hatte, sagte er schnell: „So und jetzt ab in die Küche zu Kakao und noch ein paar Plätzchen! Und später stellen wir noch unsere Schuhe vor die Tür, heute kommt doch der Nikolaus.“ Schon hellte sich Karotts` Miene wieder auf und – schwupps- war er schon am Plätzchenteller. 

 

 

 

 

 

 

 

6.Dezember

 

 

 

 

 

 

„Und hepp“ ächzte Schlümml, als er mit seiner Rückseite die Tür zur Buchhandlung von Herrn Carlson aufdrückte. Wie üblich ertönte die Türglocke mit ihrem nicht mehr ganz so frischen „Pling“ und als sie wieder hinter ihm zufiel mit einem „Plong“. Rückwärts stolperte Schlümml in den Laden und balancierte dabei einen riesengroßen Adventskranz mit den vier gelben Kerzen in den Händen. Er wackelte bedenklich hin und her, doch kurz vor der Ladentheke kam er zum Stehen und bevor der Kranz im hohen Bogen durch den Laden fliegen konnte, hatte Herr Carlson auch schon zugepackt und den Kranz gerettet. Herr Carlson war so gerührt, dass er nur kopfschüttelnd dastehen konnte. „ich kann nicht mehr halten, Herr Carlson, der Kranz ist so schwer, wo soll ich ihn denn hinstellen?“, ächzte Schlümml. Endlich fand Herr Carlson wieder Worte: „Hierher, komm ich helfe dir !“ Sie hievten den großen Kranz auf die Ladentheke. „Wie der duftet!“ Herr Carlson steckte seine Nase ganz tief in den Kranz. „Autsch! Das piekst ! Aber ich kann nicht genug bekommen von diesem Bienenwachsduft. Ihr habt Kerzen aus Bienenwachs genommen, wie wunderbar!“  „Ja, Karott findet zwar rote Kerzen viel schöner und er sagt, dass er bei dem Honigduft immer Hunger auf Honigbrot bekommt, aber ich habe ihn überredet“, erzählte Schlümml, während Herr Carlson und er weiter an den Kerzen schnüffelten. Herr Carlson überlegte kurz, dann sagte er: „Da fällt mir ein: Gerade heute habe ich ein neues Buch hereinbekommen: „ Wo sind denn all die Bienen hin?“ Das wäre ein gutes Buch für Karott, da kann man eine Menge darüber erfahren, wie wichtig die Bienen für uns sind! Warte, ich hole es, es ist noch hinten im Büro“ , und schon verschwand Herr Carlson. Schlümml sah sich im Buchladen um. `Hmm`, dachte er, `im letzten Jahr hatte Herr Carlson um diese Zeit schon alles weihnachtlich geschmückt. Und dieses Jahr ist nicht einmal eine Lichterkette aufgehängt? Komisch.` Da kam Herr Carlson schon wieder zurück und hielt Schlümml das Buch unter die Nase: „Hier, das schenke ich dir, das kannst du mit Karott zusammen lesen!“ Schlümml nahm das Buch und ließ sich sofort in der Leseecke auf das Sofa plumpsen, um darin zu lesen. Seine Frage nach der fehlenden Weihnachtsbeleuchtung vergaß er ganz.

 

 

 

7. Dezember

 

 

Frau Lemming war nirgends zu sehen, als Karott in die Bücherei kam. ` Na, sie wird gleich da sein`, dachte sich Karott und nahm sich ein Buch aus der Kochbuchabteilung : „Backen mit Karotten“. `Das wäre doch ein gutes Buch für Schlümml, dann könnte er für mich wieder leckere Sachen backen`, überlegte er sich und machte es sich damit im blauen Lesesessel gemütlich. In diesem Moment kam Frau Lemming mit einer großen Kiste um die Ecke. „Oh, Karott, das ist gut, dass du da bist. Hilfst du mir bitte, der Karton ist mir zu schwer!“ „Weihnachtsschmuck“, las Karott auf dem Karton und er sprang aus dem Sessel, um mitanzupacken.

1.    Dezember

 

Frau Lemming war nirgends zu sehen, als Karott in die Bücherei kam. ` Na, sie wird gleich da sein`, dachte sich Karott und nahm sich ein Buch aus der Kochbuchabteilung : „Backen mit Karotten“. `Das wäre doch ein gutes Buch für Schlümml, dann könnte er für mich wieder leckere Sachen backen`, überlegte er sich und machte es sich damit im blauen Lesesessel gemütlich. In diesem Moment kam Frau Lemming mit einer großen Kiste um die Ecke. „Oh, Karott, das ist gut, dass du da bist. Hilfst du mir bitte, der Karton ist mir zu schwer!“ „Weihnachtsschmuck“, las Karott auf dem Karton und er sprang aus dem Sessel, um mitanzupacken. „Ja, es wird höchste Zeit, die Bücherei etwas weihnachtlich zu schmücken.“ Während sie zusammen in der Kiste wühlten, um zu sehen, was noch zu gebrauchen war, erzählte Karott: „Ich habe Schlümml erzählt, dass Ihre Schwester mit dem Schiff nicht mehr weitergekommen ist. Da wollte Schlümml unbedingt wissen, warum das Schiff nicht weiterfahren konnte. Das hatte ich Sie gar nicht gefragt!“ Frau Lemming nahm einen kleinen Engel in einer Plastikverpackung aus der Kiste und hielt ihn hoch: „Deswegen konnte das Schiff nicht weiterfahren“, sagte sie. „Wie? Was? Wegen eines kleinen Engels blieb das Schiff stecken?! Fährt Traudl in einer Nussschale über das Meer?! Wieso liegen denn Engel im Meer herum?!“ Frau Lemming musste lachen: „Nein, Karott, nicht wegen des Engelchens. Wegen des vielen Plastikmülls, der in den Meeren schwimmt. Die Meere sind voll von Müll, der sich ansammelt. Wir Menschen verwenden so viel Dinge aus Plastik oder kaufen Sachen, die in Plastik verpackt sind. Wenn der Müll nicht richtig entsorgt wird, gelangt er durch den Wind vom Land auf das Meer oder es fällt Ladung von den Schiffen.“ „Das ist ja nicht gut“, sagte Karott langsam, „ und die Fische? Kommen die denn an dem Müll vorbei?“ „Für die ist es besonders gefährlich, weil sie denken, dass der Müll Futter sein könnte und sie merken erst zu spät, dass es nichts Essbares. Ich habe hier ein Buch, komm mal mit, ich zeige es dir.“ Sie führte Karott in die Abteilung „Natur und Umwelt“ und zog ein Buch aus dem Regal. Karott setze sich in den blauen Sessel, ließ die Beine über der Lehne baumeln und begann zu lesen.

 

 

 

 

Plastian, der kleine Fisch

von Nicole Intemann, illustriert von Julia Patschorke

erschienen 2015 im oekom Velrag

ISBN: 978-3-86581-756-3

 

 

 

Wer sich noch weiter über den Plastikmüll oder über andere Naturthemen informieren möchte: hier geht es zu einer sehr interessanten Internet-Seite des Bundesamt für Naturschutz:

 Naturdetektive für Kinder - www.naturdetektive.de: Plastikmüll im Meer (bfn.de)

 

 

 

8. Dezember

 

 

Schlümml und Karott hatten sich im Wald zu einem Spaziergang verabredet. Karott kam wie meist ein bisschen zu spät. „Ich habe noch ein wenig Wanderproviant besorgt“, sagte er, als er Schlümmls´ leicht vorwurfsvolles Gesicht sah. „Wanderproviant? Wir wollen doch nur einen Spaziergang machen, da muss man doch nicht gleich einen ganzen Rucksack mit Proviant mitnehmen! Du bist ein echter Nimmersatt, Karott!“. „Ach ja, und dann bist du ja doch froh, wenn ich dir was abgebe, das kenne ich doch schon“, erwiderte Karott und setzte seinen Rucksack ab. „Schau, was ich alles dabei habe: Schokoriegel, Gummibärchen, Trinkpäckchen und zwei Karotten. “Na, immerhin wenigstens auch etwas Gesundes dabei,“ murmelte Schlümml. „Aber jetzt lass uns doch erst einmal loslaufen, mir wird kalt!“ „Uiuiui, da hat aber jemand keine besonders gute Laune heute, kann das sein?“, fragte Karott und schnürte den Rucksack wieder zu, nicht ohne einen Schokoriegel ausgepackt zu haben. Aber Schlümml war schon losgestiefelt. „Wieso hast du es denn so eilig?“, rief Karott ihm hinterher, genüsslich seinen Schokoriegel kauend. “Nun warte doch mal auf mich!“ Schlümml drehte sich um, um auf Karott zu warten. In diesem Moment sah er, wie das Papier von Karotts` Schokoriegel auf den Waldweg fiel und Karott einfach weiterlief. „Karott!“, rief Schlümml entrüstet. „Du kannst doch nicht einfach das Papier auf den Boden werfen! Heb es wieder auf!“ „Wie, was? Papier? Welches Papier?“, fragte Karott schmatzend? „Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht. Heute nervst du mich aber! Iss lieber einen Schokoriegel, dann kriegst du bessere Laune!“ Inzwischen war Schlümml zu Karott zurückgelaufen und deutete auf das Papier, das auf dem Boden lag: „Hier, das Papier vom Schokoriegel. Du hast es einfach auf den Boden fallen lassen!“ Karott sah nun auch auf den Boden: „Ach so, das . Das ist mir aus Versehen runtergefallen, kann doch mal passieren. Wird schon nicht so schlimm sein.“ „Von wegen aus Versehen! Das sagen alle, die ihren Müll einfach in die Gegend werfen. Karott, das ist einfach nicht in Ordnung!“ „Was? Du glaubst mir nicht? Ich habe es nicht mit Absicht getan. Und wenn schon, es ist doch nur eins! Aber weißt du was? Geh doch alleine spazieren. Mir reicht es für heute, ich gehe wieder nach Hause!“ Kaum hatte Karott zu Ende gesprochen (und gekaut), drehte er sich um und stapfte den Weg zurück. Schlümml sah ihm kopfschüttelnd nach. Dann hob er das Papier auf und steckte es in seine Jackentasche.

9. Dezember

 

Schlümml hatte keine Lust mehr auf einen Spaziergang und ging zurück in die Stadt. Er musste nicht lange überlegen, wohin er gehen sollte. Er ging geradewegs zur Buchhandlung von Herrn Carlson, der ihm immer zuhörte, wenn er ein Problem hatte. Und er hatte ein Problem! „Pling“ und „Plong“ machte die Türglocke langsam und leise.  Herr Carlson war in der Lage, am Läuten der Glocke zu hören, in welcher Stimmung Schlümml hereinkam. „Oh,oh,“, sagte er also nur, als die Tür hinter Schlümml zufiel, „komm erst einmal in die Plauderecke, ich mache uns einen Tee.“ Dankbar ließ sich Schlümml auf das Sofa fallen und nahm ein Buch, das noch dort lag: „Egon Eichhorn und der wilde Müll im Wald“. `Na, wenn das nicht passt wie der Panzer auf den Rücken`, dachte er und konnte es jetzt kaum erwarten, bis Herr Carlson mit dem Tee zurückkam. „Du hast mein neuestes Buch schon gefunden, wie ich sehe“, sagte Herr Carlson und stellte die dampfenden Tassen auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. „In dem Buch geht es um den Müll, den die Menschen achtlos in den Wald werfen, ein tolles Buch“. Das war das Signal für Schlümml, Herrn Carlson vom Streit mit Karott zu erzählen. „Und dann hat er mich einfach im Wald stehengelassen und ist beleidigt abgezogen“, schloss er seine Erzählung. Herr Carlson sagte wie immer erst einmal gar nichts. Das kannte Schlümml schon und er wartete geduldig, bis der Buchhändler fertig war mit Überlegen. „Also“, begann Herr Carlson, „es ist natürlich nicht in Ordnung, wenn Karott so achtlos mit dem Müll ist, aber ich glaube nicht, dass er das Papier mit Absicht in den Wald geworfen hat. Und dass er dann so abgedampft ist, war ganz sicher sein schlechtes Gewissen.“ Schlümml wartete weiter, er war sicher, dass Herr Carlson noch einen Rat für ihn hatte.  Und den hatte er auch: „Ich glaube, was immer hilft, ist WISSEN. Wenn man weiß, was passiert, wenn man den Müll einfach in der Gegend verteilt oder wenn man weiß, was man besser machen kann, um unsere Umwelt etwas sauberer zu halten, dann passt man auch besser auf den Müll auf. Und woher können wir dieses Wissen bekommen?“ „Natürlich aus Büchern!“, riefen Schlümml und Herr Carlson wie aus einem Mund. „Und jetzt schauen wir mal, was ich alles hier im Laden habe, was unserem Karott helfen könnte, ein bisschen besser auf die Umwelt aufzupassen!“

 

 

Hier geht es zur Rezension von "Egon Eichhorn und der wilde Müll im Wald" von Alina Gries

10. Dezember

 

 

Karott war nach dem Streit mit Schlümml ebenfalls aus dem Wald zurück in die Stadt gelaufen. Es war stinkesauer auf Schlümml, der im Ernst glaubte, er habe das Papier absichtlich fallen lassen. `Er weiß ganz sicher nicht so viel über den Plastikmüll wie ich, seitdem Frau Lemming mir davon erzählt hat`, dachte Karott mit Grummelfalten auf der Stirn. `Ich habe eben einfach nicht aufgepasst, das kann doch jedem passieren. Dafür entschuldigt er sich aber, sonst kann er demnächst immer ohne mich spazieren gehen`. Während Karott so in Gedanken war, kickte er mit dem Fuß eine leere Getränkedose vor sich her. Sie schepperte und polterte über den Bürgersteig und Karott grummelte hinterher. Plötzlich blieb die Dose stehen. Naja, nicht direkt die Dose blieb stehen, sondern sie wurde angehalten – von einem Frauenschuh. Karott wollte gerade noch einmal dagegen kicken, da sah er im letzten Moment den Schuh auf der Dose. Irgendwie kam ihm der Stiefel bekannt vor. Er blickte nach oben und seine Grummelfalten glätteten sich: Frau Lemming! Sie kam wie immer wie gerufen. „Karott, spielst du neuerdings beim Fußballclub FC Dose?“, fragte sie lachend, bückte sich und hob die Dose auf. „Warum machst du denn ein Gesicht wie eine Dose Sauerkraut?“ fragte sie, als sie Karott näher anschaute. „Krach mit Schlümml“, brummte der Hase und rieb sich an der Nase. Frau Lemming überlegte kurz. Dann packte sie Karott an der Pfote und schlug vor: „Komm, wir gehen in die Bücherei. Ich muss eine neue Lieferung einräumen, dabei kann ich deine Hilfe gut gebrauchen, und dann erzählst du mir, warum ihr euch gestritten habt. Und ich habe auch Neuigkeiten von Traudl! Aber was machen wir mit deinem Dosen-Fußball hier?“ „Wieso meine Dose, ich habe sie nicht auf die Straße geworfen!“ Karott wollte gerade schon wieder sauer werden, aber Frau Lemming beruhigte ihn sofort: „Das weiß ich doch, komm wir geben sie in den Pfandautomat. Was die Leute alles so achtlos wegwerfen, tststs. Komm, wir holen uns auf dem Weihnachtsmarkt noch ein paar Waffeln, was meinst du?“ „Waffeln sind die beste Medizin gegen Streitschmerzen!“ meinte Karott und seine Grummelfalten waren schon fast nicht mehr zu sehen.

 

 

11. Dezember

 

In der Buchhandlung von Herrn Carlson lag inzwischen eine großer Stapel Bücher auf dem Verkaufstresen. „ Da fällt es aber sehr schwer, sich zu entscheiden!“ meinte Schlümml und nahm das erste Buch vom Stapel: „Das große Buch für kleine Umwelthelden“, las er. „Ich denke, das solltest du Karott schenken“, meinte Herr Carlson. „Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihm überhaupt ein Buch schenken soll. Immerhin hat er mich einfach im Wald stehen gelassen, vergessen Sie das nicht, Herr Carlson!“ „Ihr seid so gute Freunde, da ist es doch normal, dass man sich auch mal streitet. Aber dann muss es auch wieder gut sein“, besänftigte Herr Carlson die Schildkröte. Schlümml nahm das nächste Buch in die Hand: „ Die Nacht im Zauberwald“ wäre vielleicht auch etwas für Karott. Ich denke noch einmal darüber nach. Aber, Herr Carlson, was ich Sie die ganze Zeit schon fragen wollte: Warum haben Sie denn in diesem Jahr Ihren Laden nicht weihnachtlich dekoriert?“ Herr Carlson machte ein bekümmertes Gesicht, als er antwortete: „ Ich kann meine Kiste mit der Dekoration nicht finden. Ich weiß absolut nicht mehr, wo ich sie hingeräumt habe. Meine Lichterkette, meine Sterne, mein Engelchen – einfach verschwunden. Und etwas Neues zu kaufen kostet zu viel Geld.“ Er seufzte schwer. „Oh“, sagte Schlümml nur, dann noch einmal „Ach“. Herr Carlson seufzte noch einmal, aber dann sagte er: „Es geht auch einmal ohne Weihnachtsdekoration. Und jetzt überlegen wir gemeinsam, welches Buch du für Karott auswählen sollst. Das hier finde ich ganz bezaubernd: „Im Wald wird’s eng“. Mal sehen, was du dazu sagst. Mach es dir auf dem Sofa bequem, ich hole uns noch einen Tee.“ Als Herr Carlson in der Teeküche verschwunden war, dachte Schlümml nach. Aber es waren ausnahmsweise nicht die Bücher, an die er dachte.

12. Dezember

 

„Mmhh, die Waffeln waren köstlich!“, sagte Karott mit den letzten Krümeln seiner dritten Waffel im Mund und Puderzucker an der Hasennase. „Jetzt geht es mir besser. Das war eine gute Idee, Frau Lemming.“ „Dann nichts wie los, wir müssen in die Bücherei, die Arbeit wartet“, antwortete Frau Lemming und sie gingen gemeinsam zur Stadtbücherei. „Was wollten Sie mir von Ihrer Schwester Traudl erzählen?“, fragte Karott und ließ sich schon mal vorsichtshalber in den Sessel plumpsen, so konnte man viel besser zuhören als beim Arbeiten. „Sie hat angerufen!“, erzählte Frau Lemming gutgelaunt. „Das Frachtschiff hat es aus dem Suezkanal geschafft und Traudl hat aus Neapel angerufen. Sie sind schon in Italien, da schafft sie es ganz sicher bis Weihnachten! Ich freue mich so. Meine große Schwester. Du wirst sie mögen, sie ist sehr witzig und immer zu Späßen aufgelegt. Wir müssen unbedingt überlegen, wie wir den Heiligen Abend verbringen.“ Die Wörter sprudelten nur so aus Frau Lemming heraus. „Wenn wir die Bücher ausgepackt haben, gehen wir gleich zu Herrn Carlson. Ich bringe ihm immer die neuesten Erscheinungen, damit er sehen kann, was er sich davon für den Laden bestellt.“ „Ich freue mich schon darauf, Ihre Schwester kennenzulernen. Was wir auf jeden Fall für Weihnachten schon mal einplanen müssen, ist die Schokocreme, die es im letzten Jahr gab. Das war nach dem Rezept von Traudl – köstlich!“ Karott hatte sich inzwischen bequemt, ein paar Bücher aus den Kartons zu nehmen. Eines betrachtete er sich genauer. „Das sieht nach einem interessanten Buch aus: `Das Wunder einer Blume`. Schön sieht es aus, das sollten Sie Herrn Carlson mitnehmen.“ „Ja, das ist auch ein tolles Buch, da hast du Recht. Aber das hier auch: `Die Waldlinge` . Herr Carlson wird ja wie jedes Jahr hier zum Vorlesenachmittag in die Bücherei kommen und anschließend wird gebastelt – da kommt dieses Buch genau richtig.“ Karott saß schon wieder im blauen Sessel und blätterte in den Büchern. Den Streit mit Schlümml hatte er fast schon vergessen. 

13. Dezember

 

Nachdem Schlümml den Tee ausgetrunken hatte, hatte er es plötzlich sehr eilig. „Vielen Dank, Herr Carlson, für den Tee, für die Beratung, überhaupt für alles. Sie sind einfach der Beste. Aber nun muss ich los, ich habe noch etwas Wichtiges vor!“ Herr Carlson kam gar nicht dazu, sich für die netten Worte zu bedanken, da war Schlümml schon - „Plong-Pling“ -zur Tür hinaus. ` Komisch`, dachte Herr Carlson, `wohin hat er es denn nur so eilig?`. In diesem Moment kam ein Kunde herein, der Beratung wünschte und Herr Carlson dachte nicht weiter über die Frage nach. Schlümml war inzwischen schon auf dem Marktplatz, als er mit Karott zusammenstieß. Auch der war plötzlich ganz schnell aus der Bücherei gelaufen, allerdings mit dem Versprechen, bald wieder zurückzukommen, um Frau Lemming zu helfen, die Bücher zu Herrn Carlson zu bringen. Krabuff, Krabautz und Dong – beide saßen sie auf dem Hosenboden mitten auf dem Marktplatz und mussten nach einem kurzen Schreckmoment laut lachen. Karott hatte sich zuerst wieder aufgerichtet und zog Schlümml nun an den Händen nach oben: „Wohin so eilig, ist die Polizei hinter dir her, weil du Müll in den Wald geworfen hast?“, fragte Karott augenzwinkernd. Schlümml grinste, als er antwortete: „Nein, ausnahmsweise nicht, ich wollte zu dir und dich um deine Hilfe bitten.“ Karott richtete seine Hasenohren wieder, eines war noch ein wenig verknickt vom Zusammenprall und nicht ohne Stolz fragte er: „Meine Hilfe? Na klar, was kann ich für dich tun?“ „Zuerst einmal begraben wir unseren Streit und feiern unseren Frieden mit einem Becher Apfelpunsch, komm, ich lade dich ein und dabei erzähle ich dir von meiner Idee.“ Während sie auf dem Weihnachtsmarkt standen, den Duft von Mandeln, Punsch und Anisbonbons um sie herum, erzählte Schlümml: „Herr Carlson hat in diesem Jahr keine Weihnachtsdekoration im Laden. Ich dachte, wir könnten ihm etwas basteln, was er aufhängen kann. Ein wenig Dekoration macht den Laden doch gleich noch etwas gemütlicher.“ Karott war sofort dafür: „ Ja, klar, das machen wir, ich habe noch viel Bastelmaterial zu Hause. Aber weißt du was: Frau Lemming hat eine Kiste mit Weihnachtsschmuck, die ist so groß, da würde dieser Weihnachtsbaum reinpassen“, und er zeigte auf den großen, nein sehr großen Tannenbaum auf dem Marktplatz. „Da ist bestimmt noch etwas dabei, was sie Herrn Carlson abgeben kann. Ich muss sowieso nochmal in die Bücherei, dann frage ich sie gleich. Komm doch am besten mit!“. „Aber du musst mir noch verraten, wohin du so schnell wolltest vorhin“, fragte Schlümml. Karott kratzte sich etwas verlegen am Ohr, räusperte sich und murmelte: „Ich wollte zu dir. Mich entschuldigen. Weil ich einfach weggelaufen bin im Wald. War nicht nett von mir.“ Schlümml murmelte ebenfalls ein „Ist schon wieder gut“ und stupste seinen Freund in die Seite. Sie tranken ihren Punsch aus und dann machten sie sich auf den Weg zur Stadtbücherei.

14. Dezember

 

Am nächsten Tag trafen sich Schlümml und Karott wieder bei Frau Lemming in  der Bücherei. Am Tag vorher hatten sie mit Frau Lemming beschlossen, den Besuch bei Herrn Carlson auf den folgenden Tag zu verschieben, weil Schlümml und Karott dann auch ihre Bastelarbeiten fertig haben würden. Sie hatten sich überlegt, Herrn Carlson mit der Dekoration zu überraschen. Nach langem Überlegen, wie sie das am besten anstellen könnten, hatte Schlümml die Idee: „Wenn wir die Bücher abgegeben haben, geht Herr Carlson mit Frau Lemming während der Mittagspause ins Café und ich bleibe unter dem Vorwand, mir in Ruhe nochmal alle Bücher anzuschauen, in der Buchhandlung. Dann kommt Karott mit der Kiste und unseren Bastelarbeiten und wir beide dekorieren den Laden. Da wird sich Herr Carlson freuen, ich bin schon ganz aufgeregt vor lauter Überraschungs-Kribbel-Freude!“ „Am besten du nimmst die Schubkarre, die du letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hast, Karott“, schlug Frau Lemming vor, „dann musst du die große Kiste nicht schleppen.“ Nun war es also soweit: Frau Lemming hatte alle Bücher eingepackt, die sie dem Buchhändler vorschlagen wollte und Schlümml half ihr beim Tragen. „Bis später, Karott!“, riefen die beiden und Karott machte es sich noch ein wenig im blauen Sessel gemütlich: „Ich muss Schubkarrenschiebenschubkraft tanken“, sagte er mit unschuldigem Blick, als Schlümml ihn tadelnd ansah. Einige Zeit später machte sich Karott mit der Schubkarre auf den Weg zur Buchhandlung. Etliche Male geriet die Kiste gefährlich ins Wanken, als die Schubkarre über das Kopfsteinpflaster rumpelte. An der Ecke Marktplatz - Kirchgasse meinte Karott in letzter Sekunde einen Dachs gesehen zu haben. Konnte das sein? Mitten in der Stadt? `Sicher habe ich mich getäuscht`, dachte er und rumpelte weiter. Endlich kam Karott in der Buchhandlung an, ohne dass der Weihnachtsschmuck abgestürzt war und er klopfte mit der Hasenpfote an die Schaufensterscheibe. „Plong-Pling“ öffnete Schlümml von innen die Tür und half dem Freund, die Kiste hinein zu tragen. „Lass uns gleich loslegen, damit wir es noch schaffen“. Sie hingen Sterne auf, befestigten eine Lichterkette, stellten eine kleine Holzkrippe ins Schaufenster und verteilten kleine Tannenbäume aus Papier zwischen den Büchern. Zufrieden betrachteten sie ihr Werk. „Am schönsten finde ich unsere kleinen Tannenbäume“, stellte Karott voller Stolz fest. „Hoffentlich kommen die beiden bald zurück, ich kann es gar nicht abwarten, was Herr Carlson sagen wird!" Dann erzählte Karott von seiner Begegnung mit einem Dachs und fragte: "Meinst du, das kann sein? Oder war es einfach ein schwarz-weißer Hund mit spitzer Nase?" Schlümml überlegte kurz, dann ging er zu einem Regal und zog ein Buch heraus: "Schau mal: "Im Wald wird`s eng". Das sehen wir uns jetzt mal an, da geht es darum, dass die Tiere aus dem Wald in die Stadt kommen." Die beiden setzten sich einträchtig mit dem Buch auf das Lesesofa und fingen an zu schmökern.

15. Dezember

 

Als Frau Lemming und Herr Carlson aus dem Café zurückkamen, traute Herr Carlson seinen Augen nicht: „So eine schöne Weihnachtsdekoration! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“ Fast sah es aus, als müsste er sich ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen. „Vielen Dank, Ihr Lieben, wie schön, dass es euch gibt. Wisst Ihr was, ich habe eine Idee! Heute Abend feiern wir ein Lesefest. Wenn der Laden geschlossen ist, kommt ihr alle wieder und wir machen uns einen gemütlichen Abend, lesen uns vor und dann planen wir auch unseren Weihnachtsabend!“ Alle drei fanden die Idee wunderbar und versprachen, nach Ladenschluss wieder da zu sein. Als sie bei Keksen und Tee zusammensaßen und sich gegenseitig vorgelesen hatten, überlegten sie, wie sie den Heiligen Abend verbringen würden. „Wir essen alle bei mir“, sagte Frau Lemming, „denn Traudl ist ja auch da und ich habe den größten Tisch“. „Aber wir bringen alle etwas zum Essen mit, damit Sie nicht alles allein machen müssen“, meinte Herr Carlson. „Ja, aber ich schmücke den Weihnachtsbaum“, warf Karott ein. Herr Carlson und Schlümml warfen sich einen Blick zu, sagten aber nichts. Frau Lemming sah Karott an und sagte: „Das würdest du machen, Karott? Das finde ich toll. Aber was ist mit Ihnen, Herr Carlson, und mit dir, Schlümml, warum schaut ihr so komisch?“ Herr Carlson rieb sich am Kinn und kratzte sich am Kopf. Schließlich begann Schlümml: „Also, Herr Carlson und ich haben überlegt, ob es denn gut ist, einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Es werden so viele Bäume abgeholzt, dabei ist unser Wald so wichtig.“ Karott schütttelte den Kopf, aber Frau Lemming schaute ernst. Dann sagte sie: „Sicher wird es Traudl auch so sehen, sie setzt sich viel mehr für unsere Umwelt ein als ich und sicher fände sie es nicht gut, einen Tannenbaum nur für ein paar Tage ins Zimmer zu stellen.“ Dann fügte sie leise hinzu: „Aber ein Tannenbaum gehört doch zu Weihnachten“. Alle schwiegen eine Weile. Karott aß in der Zwischenzeit fünf weitere Kekse und kaute hörbar. Schmatzend sagte er: „Dann feiern wir Weihnachten eben im Wald.“ „Was?“ fragten die anderen drei wie aus einem Mund. „Ja“, sagte Karott, „wir machen ein Weihnachtspicknick! Und schmücken einen Baum, der im Wald stehenbleiben darf. Was haltet ihr davon?“ Er sah stolz in die kleine Runde. Schlümml war der erste, der wieder Worte fand: „Karott, du bist Ideenkönig!“

16. Dezember

 

Die vier saßen an diesem Abend noch lange in der Buchhandlung zusammen und planten, was sie zu ihrem Weihnachtspicknick alles mitbringen würden. Es war spät, als sie sich verabschiedeten und müde, aber glücklich nach Hause gingen. Sie hatten verabredet, dass sie sich am Wochenende zu einem Spaziergang im Wald treffen würden, um einen geeigneten Baum zum Schmücken auszusuchen. Aber erst einmal ging Herr Carlson am nächsten Tag mit einer vollgepackten Tasche in die Stadtbücherei. Dort fand wie in jedem Jahr die Weihnachts- Vorlesestunde statt, bei der Herr Carlson aus zwei Büchern vorlas, und in diesem Jahr hatte er sich eine Bastelstunde mit Dingen aus dem Wald ausgesucht. Da kam ihm das Buch „ Die Waldlinge“ gerade recht und er hatte allerhand Dinge aus dem Wald geholt, damit die Kinder ihre eigenen „Waldlinge“ basteln konnten. Als er in der Bücherei ankam, saß Frau Lemming über einer Landkarte und studierte die Reiseroute ihrer Schwester Traudl. Sie blickte nachdenklich hoch, als Herr Carlson reinkam und sie sagte nur: „Hm, ich weiß nicht.“ „Was wissen Sie nicht?“, fragte Herr Carlson und sah auch auf die Landkarte. „Ob sie es wirklich pünktlich schaffen wird? Das Schiff hat noch vier Stationen vor sich!“ „Rufen Sie sie doch einfach auf dem Handy an“, schlug Herr Carlson vor, „ dann wissen Sie, wo Ihre Schwester gerade ist.“. „Traudl hat kein Handy. Sie sagt, dass so ein Handy sehr schädlich für unser Klima ist.“ „Oh“, sagte Herr Carlson und dann noch „Ach“ und schob sein eigenes Handy etwas tiefer in die Jackentasche. Als er das bekümmerte Gesicht von Frau Lemming sah, versuchte er sie zu beruhigen: „ Sie werden sehen, sie ist ganz sicher an Weihnachten hier, von Italien ist es doch gar nicht mehr weit, nur um Spanien herum und dann sind sie schon bald in Hamburg. Wie kommt Traudl dann von Hamburg nach Ratzhausen?“ „ Sie fährt das letzte Stück mit dem Zug“, sagte Frau Lemming, nun schon etwas fröhlicher. „Aber nun schauen wir, ob wir alles für unseren Vorlesemittag bereit haben, kommen Sie!“ und die beiden gingen in die Vorleseecke der Bücherei.

17. Dezember

 

Schlümml wohnte näher am Waldrand als die anderen drei und so trafen sie sich am Samstag schon früh am Vormittag bei ihm,  um  gemeinsam in den Wald zu gehen. „Ich bin gespannt, ob wir einen passenden Baum für unseren Weihnachtsabend finden“, meinte Karott und hüpfte von einer Pfote auf die andere. „Meine Güte, ist das kalt geworden und außerdem – schnuff-schnüffel- schnupf- und außerdem riecht es nach Schnee!“ Er hatte die Hasennase mehrmals hochgezogen und in die Luft gestreckt. „Meinst du wirklich? Das wäre ja zu schön, wenn es an Weihnachten schneien würde!“, antwortete Frau Lemming. „Traudl kennt ja schon gar keinen Schnee mehr, so lange wie sie auf Mauritius lebt, wo es nie schneit.“ Sie liefen los und erst da sah Schlümml auf Karotts Rücken einen großen Rucksack. „Karott, bist du wieder ausgerüstet, als ob wir eine Wanderung bis zum Nordpol machen?“ Karott verteidigte sich: „Ihr werdet euch wundern, was ich alles dabei habe. Man muss immer damit rechnen, dass man unterwegs einen Hungeranfall bekommt. Und dann? Es gibt kaum Schlimmeres als die Laune eines vor Hasenhunger schlechtgelaunten Hungerhasen zu ertragen, das sage ich euch!“ Die anderen drei lachten und schon bald waren sie im Wald angekommen. „Da, wie findet ihr diesen Tannenbaum da vorne?“, fragte Herr Carlson und zeigte auf einen großen Baum. „Ui“, sagte Frau Lemming. „Och“, meinte Schlümml. Und Karott prustete los: „Herr Carlson, glauben Sie, ich habe einen Propeller in meinem Rucksack, um da hoch zu fliegen? Wie sollen wir den denn schmücken, da kommt doch keiner dran!“ „Aber er ist so schön gerade gewachsen“, sagte Herr Carlson etwas kleinlaut. „Aber wir können ja noch weiter suchen“. An der nächsten Weggabelung diskutierten sie, in welche Richtung sie gehen sollten. „Wer zuerst ein Waldtier sieht, darf entscheiden!“, schlug Frau Lemming vor. Alle vier standen an der Weggabelung und sahen abwechselnd in die Luft, auf den Boden und zwischen den Bäumen hindurch. Herr Carlson war es, der plötzlich rief: „Da! Da ist ein Eichhörnchen! Es sucht sicher noch Futter für seine Winterruhe!“ Alle folgten seinem Finger und sahen das Eichhörnchen in letzter Sekunde, das schnell davon huschte. „Also dürfen Sie die Richtung bestimmen“, forderte Schlümml Herrn Carlson auf. Der überlegte kurz, dann entschloss er sich, nach rechts zu gehen: „Dort hinten sind ein paar kleine Kiefern gewachsen, die haben eine gute Schmückhöhe – ganz ohne Propeller – Einsatz!“ Sie liefen gemeinsam ein Stück weiter, bis Herr Carlson die kleine Baumgruppe fand: „Na, was sagt Ihr? Ist das nicht der ideale Waldweihnachts-Weihnachtsbaum?“ Wie aus einem Mund riefen die anderen drei: „Das ist unser Baum, den nehmen wir!“ „ Darauf ein Stückchen Streuselkuchen“, sagte Karott zufrieden und zauberte aus seinem Rucksack vier Teller und einen Kuchen. So standen sie eine Weile vor dem Baum und ließen es sich schmecken.

18. Dezember

 

Karott`s Nase hatte richtig geschnüffelt: Es schneite! Kaum waren die vier von ihrer Waldweihnacht-Weihnachtsbaum-Suche zurückgekehrt, rieselten langsam die ersten weichen Flocken vom Himmel. „Hoffentlich wird es noch mehr, damit wir zu unserem Rodelhügel können“, meinte Schlümml. Und auch Karott klatschte in die Pfoten vor Vorfreude auf viel Schnee. Frau Lemming und Herr Carlson verabschiedeten sich, da sie in die Bücherei und in den Buchladen mussten. Karott blieb noch bei Schlümml, sie hatten noch etwas zu bereden. „Ich bin nicht so sicher, ob Frau Lemming nicht doch ein bisschen traurig ist so ohne Weihnachtsbaum. Was meinst du, Karott?“, fragte Schlümml, als sie bei einer Tasse Kakao in Schlümmls` Küche saßen. „Ich glaube, du hast Recht“, meinte auch Karott. "Aber ich habe mir schon etwas überlegt.“ Er griff nach einem Stückchen Mandelkuchen. „Nun mach es doch nicht so spannend! Was hast du dir überlegt?“, drängelte Schlümml. Doch Karott zeigte auf seinen vollen Mund und zuckte nur mit den Hasenschultern. „Oh Hase, nun iss schneller, ich möchte deine Idee hören.“ Endlich hatte Karott zu Ende gekaut und erklärte Schlümml: „Wir bauen für Frau Lemming einen Tannenbaum aus Ästen. So etwas habe ich in einem Bastelbuch in der Bücherei gesehen. Das geht ganz einfach und man kann ihn sogar noch nächstes Jahr und übernächstes Jahr und überübernä…“ „Stop!“, rief Schlümml, „ ich sage doch: du bist Ideenkönig!“ Er holte ein Blatt Papier und einen Stift: „Hier, zeichne mir mal auf, wie das aussehen soll.“ Karott malte auf, wie er sich den Ast-Tannenbaum vorstellte und als er fertig war, sagte Schlümml voller Begeisterung: „Los, dann gehen wir nochmal zurück in den Wald und sammeln Äste, bevor alles eingeschneit ist.“ Sie sahen aus dem Fenster: draußen fielen die Schneeflocken dichter und dichter. Sie zogen ihre dicken Jacken an, schnappten sich Karotts` großen Rucksack und liefen los. Einträchtig sangen sie dabei „Leise rieselt der Schnee…“

19. Dezember

www,Nachdem Schlümml und Karott genug Äste für den Ast-Tannenbaum gesammelt hatten, musste sich Schlümml beeilen. Er hatte Herrn Carlson versprochen, ihm in den letzten beiden Stunden im Buchladen zu helfen. An den Samstagen vor Weihnachten war immer besonders viel zu tun im Laden und Herr Carlson war dankbar, wenn Schlümml ihm ein wenig zur Seite stand. Schlümml wollte gerade die Tür zum Buchladen öffnen und erwartete das übliche „Pling“, da ging die Tür von innen auf und ein Kunde kam heraus. Er hatte einen großen Stapel Bücher in der Hand und da Schlümml recht schwungvoll die Ladentür hatte aufmachen wollen, stießen sie zusammen: Pardauz, da lagen sie, die Bücher. „Ohje, das tut mir leid“, beeilte sich Schlümml zu sagen und half dem Herrn, die Bücher wieder aufzusammeln. Das erste, das er in die Finger bekam war „Tag und Nacht im Wald“ und schon der Einband faszinierte ihn: Rehe, Dachse, Wildschweine und ihre Frischlinge, Eulen. Schlümml begann sofort, darin zu blättern. Der Herr ihm gegenüber räusperte sich: „Dürfte ich bitte mein Buch wieder bekommen? Schlimm genug, dass es hingefallen ist, da müssen Sie es nicht noch mit schmutzigen Fingern durchblättern“. Schlümml sah erschrocken auf seine Hände. Oh nein, sie waren tatsächlich schmutzig vom Suchen der Äste im Wald. „Entschuldigen Sie bitte vielmals“, sagte Schlümml betröppelt und versuchte, seine Hände an seinem Panzer sauber zu rubbeln, was ihm eher weniger als mehr gelang. Zum Glück kam ihm Herr Carlson wieder einmal zur Hilfe. Er hatte von innen den Zusammenstoß beobachtet und kam eilig hinzu. In der Hand hielt er schon ein neues Exemplar von „Tag und Nacht im Wald“ und tauschte es mit dem anderen aus, so schnell konnte der Kunde gar nicht gucken. Dieser murmelte nur ein hastiges „Danke“ und ging mit großen Schritten davon. „Komm erst einmal rein, Schlümml, ist alles halb so schlimm“, sagte Herr Carlson beruhigend und zog die Schildkröte in den Laden. Als die Tür mit ihrem „Plong“ hinter den beiden zufiel, war Schlümml gleich wieder ruhig. Der Duft der Bücher, der Anblick der vollen Regale und die zufriedenen Gesichter der Kunden, die schmökernd im Laden verteilt waren, das mochte er. Schlümml ging hinter die Ladentheke und begann damit, Bücher in Geschenkpapier zu verpacken. Und draußen wurde der Schneefall stärker und stärker.

20. Dezember

 

Der nächste Tag war der 4. Advent und Frau Lemming hatte Herrn Carlson, Schlümml und Karott zum Tee eingeladen. Sie saßen zusammen in Frau Lemmings gemütlichem Wohnzimmer, das über und über mit Büchern gefüllt war. Nicht nur in drei großen Bücherregalen, die so hoch waren, dass Frau Lemming eine kleine Trittleiter brauchte, wenn sie ein Buch nehmen wollte, nein, auch viele Bücherstapel in verschiedenen Größen waren im Zimmer verteilt. Beim Gehen kam man sich vor wie ein Skifahrer beim Slalom, so musste man in engen Kurven um die Bücherstapel herumlaufen. Auch auf dem Esstisch lag ein Buch: ein Fotoalbum. Schlümml hatte die Idee gehabt, alte Fotos von Frau Lemming und ihrer Schwester Traudl anzuschauen. So blätterten sie nun in dem dicken Album und Frau Lemming erzählte mit glänzenden Augen von der Zeit, als Traudl noch in Deutschland lebte. „Sie sehen sich ziemlich ähnlich“, meinte Karott und verglich ein Foto von Traudl mit Frau Lemming. „Ja, nur ihre Haare, diese Locken habe ich nicht. Daran kann man sie immer sofort erkennen: die roten Locken, die immer ein wenig ungekämmt aussehen. Und diese Tasche hier, die trägt Traudl immer bei sich. Die habe ich ihr vor vielen Jahren gestrickt“, erinnerte sich Frau Lemming. „ Hier, dieses Buch schenke ich Traudl: `Das Wunder einer Blume`. Sie ist ja Biologin und ist auch wegen der vielen verschiedenen Pflanzen nach Mauritius gegangen.“ „Es wird sicher eine schöne Zeit, wenn Traudl hier ist“, meinte Herr Carlson und alle stimmten ihm zu. „Aber nun geht das Weihnachtskonzert im Radio gleich los“, erinnerte Frau Lemming und stand auf, um das Radio anzuschalten. Gerade noch war der Wetterbericht zu hören „…weiterhin starker Schneefall mit Schneeverwehungen. Mit Einschränkungen im Bahnverkehr ist zu rechnen. Es wird sehr kalt mit Temperaturen bei -10°.“ „Oh“, sagte Schlümml. „Ach“, meinte Karott. Herr Carlson sagte gar nichts und Frau Lemming ließ sich auf den Stuhl fallen. „Wenn ich nur wüsste, wann sie da ist“. Das Konzert im Radio begann und alle lauschten der Musik. Und draußen schneite es.

 

 

21. Dezember

 

Es hörte nicht mehr auf zu schneien. Auf den Straßen lag der Schnee inzwischen meterhoch. Die Kinder hatten schon früher Ferien bekommen, weil die Busse nicht mehr fahren konnten und wer nicht unbedingt vor die Tür musste, blieb zu Hause. So viel Schnee hatte es in Ratzhausen seit Jahren nicht mehr gegeben und selbst das Rodeln auf dem Rodelhügel hatte keinen Spaß gemacht, weil man vor lauter Schneetreiben nichts gesehen hatte. Schlümml und Karott hatten Herrn Carlson angeboten, Bücher an die Kunden auszuliefern, die nicht mehr zu ihm in den Laden kommen konnten. So stapften die beiden Freunde durch den Schnee. „Ich weiß nicht“, sagte Schlümml, „irgendwie kam mir Herr Carlson heute etwas seltsam vor. So, als ob er ein Problem hätte.“ „Na, es ist doch auch ein Problem, wenn kaum noch jemand in den Laden kommt“, meinte Karott. Aber Schlümml war anderer Meinung: „Nein, das scheint mir nicht der Grund zu sein. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass Herr Carlson gar nicht böse drum ist, wenn er heute nicht so viel zu tun hat. Und hast du seine Hände gesehen? Sie waren ganz mit Öl beschmiert und an seinem Pulli war auch Öl, ganz so, als ob er etwas repariert hätte. Ich hatte schon Sorge, dass er seine Bücher schmutzig macht.“ „Was könnte er denn repariert haben? Warum hast du ihn denn nicht gefragt?“, wunderte sich Karott. „Das habe ich doch! Aber Herr Carlson hat nur etwas gemurmelt, das klang wie `ich muss sehen, dass ich das hinbekomme`, und dann wollte ich ihn nicht weiter fragen. Sehr merkwürdig.“ Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Karott schippte mit den Füßen bei jedem Schritt eine Ladung Schnee vor sich her. Schlümml begann, es ihm gleichzutun und so kickten und schippten sie beide den pulvrigen Schnee in die Höhe. Immer schneller liefen sie und freuten sich an dem zusätzlichen kleinen Schneegestöber, das sie da produzierten.

 

 

22. Dezember

 

Am nächsten Tag hatte der starke Schneefall etwas nachgelassen, aber noch immer fielen dicke Flocken herab. Karott wollte Frau Lemming in der Bücherei besuchen und fragen, ob sie etwas von Traudl gehört habe. Durch die Drehtür der Bücherei konnte er nicht mehr hindurch. Wegen der hohen Schneemassen ließ sich die Tür nicht mehr drehen und er musste durch den Nebeneingang hinein. Als er eintrat, sah er Frau Lemming mit hängenden Schultern im blauen Sessel sitzen, das Telefon noch in der Hand. Sie sah hoch und schaute Karott mit traurigen Augen an: „Traudl kommt morgen in Hamburg an.“ „Aber das ist doch wunderbar, dann wird sie am Heiligen Abend bei Ihnen sein!“, rief Karott erfreut, merkte aber selbst, dass diese Freude nicht ganz zu Frau Lemmings` Gesichtsausdruck passte. „Oder etwa nicht?“ fügte er etwas weniger fröhlich hinzu. „Nein, sie wird nicht hier sein. Es fahren keine Züge, die Bahnschienen sind durch den Schnee blockiert. Und sie weiß nicht, wie sie herkommen soll.“ „Dann kann sie sich doch ein Auto leihen!“, schlug Karott vor. Aber Frau Lemming schüttelte nur den Kopf: „ Traudl hat keinen Führerschein, sie kann nicht Auto fahren. So wie ich, ich fahre auch kein Auto.“ „Oh“, sagte Karott, und dann noch einmal „Ach“. Er klopfte mit seiner Pfote sachte auf Frau Lemmings` Hand und wusste nicht recht, was er sagen sollte. „Wir könnten Weihnachten verschieben“, sagte er schließlich. „Ach Karott, du bist sehr lieb, aber man kann doch Weihnachten nicht einfach verschieben.“ Sie schwiegen wieder eine Weile. Plötzlich wurde die Tür vom Nebeneingang aufgerissen und Schlümml stürmte herein. „Herr Carlson ist verschwunden!“ rief er, „einfach weg! Der Laden ist zu und zu Hause ist er auch nicht. Haben Sie etwas von ihm gehört oder gesehen, Frau Lemming?“ Frau Lemming sah ihn entgeistert an: „Wie, verschwunden? Das kann doch nicht sein? Wo sollte er denn hin, ohne etwas zu sagen?“ Auch Karott war nun sehr besorgt: „Das passt aber gar nicht zu ihm. Können wir nicht versuchen, auf seinem Handy anzurufen?“ Schlümml zog sein Handy heraus und zeigte auf seine Anrufliste: „Schon zehn Mal habe ich es versucht. Nichts. Er geht nicht ans Telefon!“ Alle drei sahen sich bekümmert an. Frau Lemming sagte leise: „Vielleicht verschieben wir Weihnachten doch.“

 

 

23. Dezember

 

Schlümml klingelte Sturm bei Karott. „Er hat angerufen! Endlich hat Herr Carlson sich gemeldet!“, rief er, kaum dass Karott die Tür aufgemacht hatte. „Was ein Glück! Und wo ist er, wann kommt er wieder, was macht er, wieso ist er weg, warum hat er nichts gesagt und geht es ihm gut?!“ fragte Karott alles auf einmal. Schlümml sagte lachend: „Darf ich erst einmal reinkommen, ich habe kalte Füße.“ Sie gingen in die warme Küche, wo Karott gerade einen Weihnachtskuchen im Ofen hatte. „Nun sag schon!“, drängelte Karott, während er Schlümml eine Tasse Tee eingoss. „Er sagte nur, dass er morgen wieder da ist, er habe etwas zu erledigen, wir sollten uns nicht sorgen.“ „Was?! Mehr hat er nicht gesagt? Was soll das heißen? Etwas zu erledigen?“ Karott schüttelte den Kopf, dass die Ohren nur so schlackerten. Schlümml berichtete weiter: „Im Hintergrund war ein Motorengeräusch zu hören und ich glaube, ihm war kalt, seine Zähne klapperten, so schien es mir.“ „Hmm. Hat Herr Carlson denn eigentlich ein Auto?“, fragte Karott plötzlich. „Ja, schon, aber das fährt schon lange nicht mehr. Herr Carlson bleibt ja auch fast immer nur in Ratzhausen, da braucht er kein Auto. Sein alter Volvo steht schon ewig in der Garage“, antwortete Schlümml. „Aber warte mal, das passt doch irgendwie zusammen: seine ölverschmierten Hände, das Motorengeräusch – vielleicht hat er das Auto wieder zum Fahren gebracht und ist damit irgendwo hingefahren!“, rief Karott. „Da könntest du Recht haben“, überlegte Schlümml, „aber wohin? Was könnte er erledigen? Na, er wird es uns morgen sicher erzählen. Hauptsache, er ist pünktlich zum Heiligen Abend da.“ „Ja, das ist das Wichtigste. Wenn schon Traudl nicht da sein wird. Apropos Traudl: Wenn der Kuchen fertig ist, gehen wir schnell zu Frau Lemming. Sie muss auch erfahren, dass es Herrn Carlson gut geht!“. „Genau“, stimmte Schlümml zu, „und dann gehen wir in den Wald und schmücken unseren Waldweihnacht-Weihnachtsbaum für morgen. Schau, es hat aufgehört zu schneien!“ Sie sahen aus dem Fenster: Tatsächlich. Der Schneefall hatte aufgehört. Man konnte sogar ein Stückchen blauen Himmel entdecken.

 

 

24. Dezember

 

Am Morgen des 24. Dezembers trafen sich Schlümml und Karott bei Frau Lemming, um gemeinsam das Abendessen für den Heiligen Abend vorzubereiten. Frau Lemming hatte sich sehr gefreut, dass Herr Carlson versprochen hatte, pünktlich zum Weihnachstabend wieder zurück zu sein. Aber sie war trotzdem noch immer sehr betrübt, dass Traudl nun doch nicht dabei sein konnte. „Aber sie hat mich angerufen, als sie in Hamburg ankam. Ich soll mir keine Sorgen machen und sie kommt, sobald die Züge wieder fahren. Sie klang allerdings sehr fröhlich. Ob es ihr gar nichts ausmacht, an Weihnachten allein zu sein?“ wunderte sich Frau Lemming, während sie die Schokocreme für den Nachtisch rührte. „Karott, nimm die Pfote aus der Creme!“ , schimpfte sie, nun doch lachend. Schlümml stand am Fenster und schälte die Kartoffeln für den Auflauf, da fiel ihm plötzlich die Kartoffel aus der Hand: „Ja, nein, was, was ist denn das?! Frau Lemming, schnell, kommen Sie, sehen Sie, nein ach was, wir gehen raus!“ Da hupte es auch schon laut. Die drei liefen aus dem Haus und trauten ihren Augen nicht: Da stand Herr Carlsons` alter Volvo und der Buchhändler stieg gerade aus. Aber er war nicht der einzige, der ausstieg, denn auf der anderen Seite öffnete sich ebenfalls die Autotür und eine Frau mit roten Locken und einer bunten Tasche stieg aus.

 

„Traudl!“, rief Frau Lemming und noch einmal „Traudl!“ und dann rannte sie los. „Elvira!“ rief die Frau mit den roten Locken und die beiden fielen sich in die Arme und ließen sich erst einmal nicht mehr los. Herr Carlson wischte sich verstohlen eine kleine Träne aus den Augenwinkeln und als er sah, dass Karott es bemerkte, sagte er schnell: „Diese kalte Luft, sie brennt so in den Augen.“ Nach der ersten Begrüßungsfreude gingen alle zusammen ins Haus zurück und bestürmten die beiden mit Fragen: „Warum haben Sie denn vorher nichts davon gesagt, dass Sie nach Hamburg fahren?“ , fragte Karott. „Ich war mir ja nicht sicher, ob ich Traudl finden würde und dann wäre die Enttäuschung noch größer gewesen, wenn ich allein wieder zurückgekommen wäre“, erzählte Herr Carlson. „Wie haben Sie denn Traudl überhaupt erkannt?“ , wollte Schlümml von Herrn Carlson wissen. „Na, das war überhaupt nicht schwer: ich habe doch die Fotos am Sonntag gesehen und so eine bunte Tasche habe ich auch bei keinem anderen am Hafen gesehen.“ „Und natürlich an meinen ungekämmten Haaren“, lachte Traudl, „geben Sie es ruhig zu, Herr Carlson!“ Herr Carlson nickte schmunzelnd. „Es war nur ein wenig kalt im Auto, leider habe ich die Heizung nicht in Gang gebracht.“ „Das war nicht so schlimm, wir hatten ja genug warmen Tee“, sagte Traudl. Sie schaute sich im Wohnzimmer um: „Wie, wo ist denn der Weihnachtsbaum? Sag bloß, in diesem Jahr gibt es keinen Christbaum?“ „Oh doch!“, strahlte Frau Lemming. „Im Wald steht er, er ist sogar schon geschmückt und wartet nur darauf, dass wir uns an ihm erfreuen.“ „Wie schön, eine Waldweihnacht. Davon habe ich schon lange geträumt. Und dazu der viele Schnee. Ist das schön, hier zu sein“, seufzte Traudl glücklich. Zusammen gingen sie in die Küche und bereiteten das Essen fertig. Bei Einbruch der Dämmerung machte sich die kleine Truppe auf den Weg in den Wald, ausgerüstet mit Kerzen, Taschenlampen und jeder Menge guter Laune. Frau Lemming hakte sich bei Herrn Carlson unter und sagte „Danke, Herr Carlson. Sie sind der Beste.“

 

Es wurde ein wunderschöner Waldweihnachtsabend, von dem sie sich noch lange Zeit erzählten.