Adventskalender

 

      Schlümml und Karott und die       Weihnachtsüberraschung

Eine Geschichte von Michaela Roth

für Kinder ab 5 Jahren

 

 

1. Dezember

 

Kennt ihr schon Schlümml und Karott? Nein? Dann wird es höchste Zeit, die beiden kennenzulernen! 

Schlümml ist eine Schildkröte und der beste Freund von Karott, bei dem es sich, wie unschwer zu erraten ist, um einen Hasen handelt. 

Die beiden Freunde sind schon sehr lange auf der Suche nach einem ganz bestimmten Buchstaben: das "E" ist es, was sie unbedingt finden wollen. Warum? Weil Schlümml und Karott - Karott noch ein bisschen mehr als Schlümml-  der Ansicht sind, dass ein "E" ihren beiden Namen sehr gut tun würde. 

"Wer heißt denn schon Karott ohne "e" am Ende?" fragt sich Karott nicht nur einmal in der Woche, und das fragt er nicht nur sich, sondern er liegt auch Schlümml andauernd damit in den Ohren., " Karott ohne "e" klingt wie Weihnachten ohne Schnee." "Ach, ist doch nicht so schlimm", pflegt der dann meist zu sagen, " schau mich an, mein Name würde mit einem "e" doch auch viel besser aussehen: Schlümmel - sieht doch geschrieben viel mehr nach einer stattlichen Schildkröte, wie ich es eine bin, aus. Aber jammere ich deswegen so herum wie du? "

 

 

2. Dezember

 

Als Karott wieder einmal murrend und schlecht gelaunt davongestapft war, überlegte Schlümml: " Hm, Karott würde sich so sehr über ein "E" freuen. Und nun ist doch bald Weihnachten. Ich glaube, ich sollte ihm eine Freude machen und ein "E" für ihn auftreiben. Ich habe auch schon eine Idee, wo ich eines finden könnte..."

 

Schlümml ahnte ja nicht, dass auch Karott sich etwas überlegte: " Ob ich denn Schlümml zu Weihnachten mit einem "E" für sein "L" am Ende seines Namens überraschen sollte? Ich habe auch schon eine Idee, wo ich eines finden könnte..." 

 

 

 

 

                    

   3. Dezember 

 

 

Pling-Plong" machte die Glocke der Eingangstür des kleinen Buchladens in der Krämergasse, als Schlümml eintrat. Der alte Herr Carlson, der den Laden schon seit einer Ewigkeit führte, stand auf seiner schon etwas wackligen Leiter, die gefährlich ins Wanken geriet, als Herr Carlson sich abrupt umdrehte und erfreut rief: "Schlümml, wie schön, dass du mal wieder reinschaust!" Schlümml rannte schnell, wenn man eine Schildkröte schnell nennen kann, zur Leiter, um sie festzuhalten: "Guten Tag, Herr Carlson. Sie haben aber schön weihnachtlich dekoriert im Laden! Besonders die Lichterkette über der Kinderbuchabteilung sieht wirklich zauberhaft aus!" "Danke schön, Schlümml. Ja, es war gar nicht so leicht, die Kette dort aufzuhängen. Aber sag, was kann ich für dich tun?" Dabei stieg er langsam von der Leiter ab und drehte sich zu Schlümml um, " du schaust etwas bekümmert?"  " Ich suche ein Geschenk für Karott", erwiderte Schlümml, " aber ausnahmsweise einmal kein Buch, sondern einen Buchstaben."  " Einen Buchstaben?", wunderte sich Herr Carlson, " wieso denn nur einen einzigen Buchstaben?" Schlümml erzählte Herrn Carlson, dass Karott so gerne ein "E" an seinem Namensende hätte und er, Schlümml, ihm nun eine Freude machen möchte, indem er ein "E" für seinen Freund finden wolle. "Und da dachte ich mir, dass es hier im Buchladen bei all den vielen Büchern doch auch ein "E" geben muss!", schloss Schlümml seine Erzählung ab.

Herr Carlson setzte sich auf den alten Stuhl hinter der Verkaufstheke und stützte seinen Kopf in die Hände, er dachte nach. Als er den Kopf wieder hob, blieb sein Blick an der Lichterkette hängen. Da begannen seine schon etwas trüben Augen plötzlich zu leuchten wie die Lichtlein der Kette höchst persönlich. " Das ist es!", rief er, " das ist die Idee!" 

 

 

 

 

  

 

 

4. Dezember

 

" Oinkioink" quietschte die schon betagte Drehtür der Stadtbücherei von Ratzhausen, als Karott mit Schwung hinein- und im Innern der Bücherei sofort wieder heraushüpfte. "Hachja", ließ sich Karott mit einem lauten Seufzer in einen der bequemen dunkelblauen Plüschsessel in der Leseecke der Kinderbuchabteilung fallen. Frau Lemming, die Bücherei-Leiterin, stand gerade mit dem Rücken zur Leseecke und sortierte Bücher in der Abteilung "Weihnachtsbücher für Kinder ab 3" ein, als sie den Seufzer hörte. Sofort drehte sie sich um und rief: " Das kann doch nur Karott sein, den Seufzer kenne ich! Schön, dass du mal wieder reinschaust. Suchst du etwas Bestimmtes? Sieh mal hier, die vielen neuen Bücher mit Geschichten zur Weihnachtszeit!"  " Jaja, sehr schön", antwortete Karott, ohne richtig hinzusehen. " Ich suche aber heute mal kein Buch, sondern nur einen einzigen Buchstaben." Und er erzählte Frau Lemming, dass er für seinen Freund Schlümml, den man am Ende ohne "E" schreibt, eben genau diesen Buchstaben als Geschenk zu Weihnachten suche.

Frau Lemming ließ sich mit einem ähnlichen "Hachja" -Seufzer in den Plüschsessel neben Karott fallen und stützte den Kopf in die Hände, sie dachte nach. Plötzlich schlug sie mit der flachen Hand auf die Armlehne des alten Sessels, dass es nur so staubte und rief strahlend: "Das ist es! Das ist die Idee!"

 

 

 

 

 

  

5. Dezember

 

Herr Carlson drehte sich freudestrahlend zu Schlümml um und wiederholte: "Das ist es! Das ist die Idee!". "Ja, was denn nun?", drängelte Schlümml, " machen Sie es doch nicht so spannend, Herr Carlson!" "Wie wäre es", begann Herr Carlson, "wenn Du Karott zu Weihnachten eine Sammlung von Dingen schenkst, die alle dieses ersehnte "E" am Ende des Wortes haben. Dieses "E", das so komisch und irgendwie gar kein richtiges "E" ist, denn wenn Karott ein "E" am Namensende hätte, hieße er ja nicht Karott-Tee, sondern sein "E" würde wie ein "E" bei LICHTERKETTE klingen, eben so ein komisches  Geräusch ".  "Hmmm", überlegte Schlümml, "diese Idee klingt nicht schlecht." "Nicht schlecht, phh, diese Idee ist wundervoll!", rief Herr Carlson und breitete beide Arme aus. "Wir legen gleich los und suchen Dinge mit diesem seltsamen "E" am Wortende." Schlümml schien noch nicht ganz überzeugt zu sein, dass es das war, wonach er suchte, aber er ließ sich von Herrn Carlsons` Eifer anstecken.

"Die Lichterkette, die nehmen wir schon mal", sagte Schlümml, "mit diesem Geschenk kann man nichts verkehrt machen".  "Ich glaube, ich habe noch eine Kette in meiner Weihnachtskiste übrig. Ich schaue gleich mal nach, warte hier!", sagte Herr Carlson und verschwand im Hinterzimmer.

 

 

 

 

 

6. Dezember

 

" Was ist denn nun die Idee?" Karott bekam schon wieder seine Ungeduldsfalte auf der Stirn zwischen seinen Hasenohren, " nun sagen Sie schon, Frau Lemming!" "Wie wäre es", begann Frau Lemming, "wenn du Schlümml zu Weihnachten eine Sammlung von Dingen schenkst, die alle dieses ersehnte "E" vor dem "L" am Ende des Wortes haben. Dieses "E", das so komisch und irgendwie gar kein richtiges "E" ist, denn wenn Schlümml ein "E" vor dem "L" am Namensende hätte, hieße er ja nicht Schlümm-Mehl, sondern sein "E" würde wie ein "E" bei SESSEL klingen, eben so ein komisches  Geräusch ".  "Hmmm", überlegte Karott, "diese Idee klingt nicht schlecht." "Nicht schlecht, phh, diese Idee ist wundervoll!", rief Frau Lemming und schlug nun mit beiden Händen auf die Armlehnen des blauen Vorlese - Sessels. Nun staubte es noch ein bisschen mehr und Karott bekam einen leichten Hustenanfall. Aber seine Ungeduldsfalte war zu einer Nachdenkfalte auf der Stirn zwischen den Ohren geworden. Und als Frau Lemming sagte: " Einen dieser blauen Sessel kannst du gerne haben, wir brauchen sowieso nur den einen, wenn jemand zum Vorlesen kommt", strahlte er über das ganze Gesicht und rief "Ohja, den nehme ich schon mal, mit diesem Geschenk kann man nichts verkehrt machen!" Und er stellte sich schon vor, wie Schlümml in dem gemütlichen Sessel saß, einen Kakao neben sich und sein Lieblingsbuch in der Hand. " Ich komme gleich wieder", sagte Frau Lemming, " ich suche im Lager nach einer Schubkarre zum Transport!" und sie verschwand im Lager.

 

 

 

 

 

 

7. Dezember

 

„So, da ist sie“, ächzte Herr Carlson zufrieden, als er mit einem lauten „Plumps“ die Kiste vor Schlümmls Nase stellte. „Da haben wir die Kette. Ach, und schau doch mal hier: die schönen Sterne, an die habe ich gar nicht mehr gedacht! Da kannst du mir gleich helfen, die noch zur Dekoration hier im Laden aufzuhängen.“ Schlümml wühlte auch ein wenig in der Kiste herum und hielt ein offensichtlich schon etwas in die Jahre gekommenes Buch in die Höhe. „ Oh, mein Lieblingsbuch zur Weihnachtszeit!“, rief Herr Carlson, „das habe ich ja schon ewig nicht mehr gelesen! Weißt du was, Schlümml? Jetzt schließen wir den Laden, es ist schon spät geworden. Dann hängen wir die Sterne auf, danach mache ich uns einen Kakao und ich lese dir aus meinem Buch vor : „Als der Schneemann einen Schnupfen bekam.“ „Das ist eine gute Idee nach der anderen, so machen wir es“, war Schlümml begeistert. „Sicher habe ich auch noch eine Kerze hier in der Kiste“, kramte Herr Carlson schon wieder kopfüber in seiner großen Kiste herum. „Oh Kerze klein, oh Kerze klein, wo hast du dich verste-heckt?“, stimmte er dabei ein Liedchen auf die Melodie von „Oh Tannenbaum“ an. „Ha!“, rief da Schlümml plötzlich, so laut, dass Herr Carlson mit einem erschreckten „Huch!“ kopfüber in die Kiste plumpste. „Was war denn jetzt los?“, fragte er, als er mit seinen grauen zerstruwwelten Haaren wieder herausschaute, wobei er sich ein wenig Lametta aus den Locken zupfte. „KERZE!“, rief Schlümml, „KERZE! Da ist wieder dieses „E“ am Ende! Wir haben ein neues Geschenk für Karott!“

 

 

8. Dezember

 

So, da ist die Schubkarre“, sagte Frau Lemming , als sie mit einer quietschenden und ächzenden , schon leicht verstaubten Schubkarre um die Ecke bog.  „Jetzt müssen wir nur noch den Sessel da hinein bekommen“. „Bei drei heben wir ihn hoch“, sagte Karott und er und Frau Lemming packten beide den Sessel und zählten: „ Eins, zwei und..drei!“ Mit einem lauten Krachen landete der Sessel in der Schubkarre. „Puhh“, stöhnte Frau Lemming, „ das war aber jetzt schon ein bisschen anstrengend. Schau mal, Karott, was ich noch mitgebracht habe!“ Dabei hielt sie Karott einen schönen, roten Apfel hin. „Den hat der Nikolaus vor zwei Tagen in meine Schuhe gesteckt, den können wir uns jetzt teilen. Magst du? ….Karott! Ich rede noch mit dir, hörst du zu?“ Karott murmelte vor sich hin: „Ap-fel, Ap-fel…Da ist es wieder!“ „Was? Was ist da wieder?“ fragte Frau Lemming verwundert. „ Das „E“ vor dem „L““, rief Karott, „ bei Apfel ist auch ein „E“ vor dem „L“! Ich schenke Schlümml auch noch einen Apfel! Frau Lemming, Sie sind die Beste!“ Und ehe Frau Lemming wusste, wie ihr geschah, hatte Karott ihr schon einen dicken Kuss auf die Wange gedrückt. „Ach Karott“, sagte sie ein wenig verlegen und zupfte sich eine Staubflocke aus den Haaren. Dann schlossen sie die Bücherei, teilten sich den Apfel und ließen ihn sich schmecken.

 

 

 

 

 

 

9. Dezember

 

 

 

Nachdem Schlümml und Herr Carlson ihren Kakao getrunken und Herr Carlson aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen hatte, war Schlümml zufrieden nach Hause gegangen. Die Lichterkette hatte er sich dabei über den Schildkrötenpanzer geschlungen und sah damit allerdings ein bisschen aus wie ein umgestürzter Weihnachtsbaum ohne  Nadeln. Er war so guter Dinge, dass er – kaum war er zu Hause -  sich gleich noch ans Plätzchenbacken machte. Er wollte Herrn Carlson damit am nächsten Tag überraschen. Schon früh zog Schlümml am nächsten Tag los Richtung Krämergasse, bepackt mit Butterplätzchen, Vanillekipferl, Kokosmakronen und seinem geliebten Schokoladenbrot. „Pling“ machte die kleine Glocke der Eingangstür zum Buchladen. Und nur „Pling“. Wo war das „Plong“ geblieben?“ Schlümml schaute verwundert nach oben zur Türglocke und auch Herr Carlson kam schon angelaufen: „ Guten Morgen, Schlümml, du bist aber früh unterwegs. Hast du gehört, die Glocke macht nicht mehr „Plong!“ „Nein, ich habe es nicht gehört, d.h., ich habe gehört, dass ich es nicht gehört habe.“ Beide schauten nach oben und sahen, dass die Glocke ganz schräg über der Tür hing. „ Da werde ich wohl mal meine Leiter holen“, meinte Herr Carlson und wollte gerade gehen, da jauchzte Schlümml los: „Glocke! Glo-cke! Wie wunderbar, dass die Glocke heute kein „Plong“ gemacht hat, sonst hätten wir uns gar nicht um sie gekümmert!“ „ Was soll daran so wunderbar sein, dass ich schon wieder auf die Leiter klettern muss“, murrte Herr Carlson leicht gereizt. „ Na, hören Sie doch mal : G L O C K E! Da ist ein „E“ am Ende! Karott bekommt auch noch eine Glocke von mir! Und wenn sie von der Leiter wieder runterkommen, dann bekommen Sie meine Plätzchen. Hier, Sie dürfen schon mal schnuppern!“  „Hmm, sie riechen köstlich“, war Herr Carlson schon wieder besänftigt. Und er beeilte sich, die Glocke wieder gerade zu richten.

 

 

10. Dezember

 

Nachdem Karott und Frau Lemming den Apfel gegessen hatten, machte sich Karott auf den Heimweg. Frau Lemming blieb noch in der Bücherei. "Morgen ist doch unser Weihnachtsvorlesen hier, da muss ich noch ein wenig vorbereiten", hatte sie gesagt. Und hinzugefügt: "Herr Carlson aus dem Buchladen in der Krämergasse liest morgen für die Kinder hier in der Bücherei vor. Ich bin schon sehr neugierig, welches Buch er ausgesucht hat. Ich muss noch dekorieren, es sieht noch nicht weihnachtlich genug aus." Dann hatten sie sich verabschiedet. Kaum war Karott mit seiner Schubkarre und dem Sessel zu Hause angekommen,  bekam er ein schlechtes Gewissen. Nun hatte Frau Lemming ihm so nett bei seinem Problem geholfen und er ließ sie einfach mit ihrer Arbeit allein.  "Das geht nicht!", dachte Karott und flitzte in den Keller. Als er wieder nach oben kam, hatte er eine große Schachtel mit einem Weihnachtsstern in den Hasenpfoten und machte sich sofort wieder auf den Weg zurück in die Bücherei. Durch die Drehtür sah er Frau Lemming etwas ratlos in der Leseecke stehen, sie schien etwas zu suchen. Karott klopfte heftig an die Tür, so heftig, dass Frau Lemming erschrocken zusammenzuckte. Als sie Karott mit der großen Schachtel sah, öffnete sie ihm strahlend die Tür und fragte: "Karott! Hast du etwas vergessen?" "Ja", sagte Karott, "ich habe vergessen, Ihnen zu helfen! Und ich habe Ihnen etwas mitgebracht!" Dabei hielt er Frau Lemming die große Schachtel entgegen. "Was ist denn das?", fragte Frau Lemming, "so eine schöne Schachtel, was ist denn... Aber halt: da fällt mir etwas auf! SCHACHTEL! Hörst du, was ich höre?!" Karott hielt die Schachtel an die Ohren und riss die Augen auf: "Ist da etwas drin? Ich habe gar nichts gehört! Vielleicht ein gefährliches Tier?!" Er wollte die Schachtel schon fallenlassen, da rief Frau Lemming: "Aber nein, Karott, nicht IN der Schachtel! Das Wort SCHACHTEL! Es hat unser "E" vor dem "L"! Hörst du es?" "Ja!", rief Karott, "eine Schachtel ist ein wunderbares Geschenk für Schlümml! Ich sag doch, Sie sind die Beste! Deshalb habe ich Ihnen auch etwas mitgebracht. Machen Sie die Schachtel doch auf!" Frau Lemming hob den Deckel mit dem glitzernden Stern hoch und ihre Augen leuchteten: " Genau das, wonach ich gerade gesucht habe! Karott, Du bist der Beste!"

 

 

 

 

11. Dezember

 

 

Nachdem Schlümml und Herr Carlson mehrmals die Eingangstür zum Buchladen geöffnet und wieder geschlossen hatten, um zu überprüfen, ob die Türglocke nun wieder „Pling“ und „Plong“ machte – und sie machte wieder „Plong“-, schaute Herr Carlson auf die Uhr. „Ui, schon so spät!“, sagte er, „ ich muss mich ein wenig beeilen. Heute ist das Weihnachtsvorlesen in der Bücherei und die Leiterin, Frau Lemming, hat mich gefragt, ob ich in diesem Jahr wieder für die Kinder vorlesen möchte.“ „Was lesen Sie denn vor?“, wollte Schlümml wissen. „Lesen Sie aus Ihrem Lieblingsbuch?“ „Ich nehme es auf jeden Fall mit,“ antwortete Herr Carlson, „aber zuerst lese ich aus dem Buch „Natascha und Jan und die Weihnachtsgans“ vor. Wenn die Kinder dann noch Geduld haben, lese ich auch noch aus „Als der Schneemann einen Schnupfen bekam“ vor. Allerdings kratzt es mich ein bisschen im Hals und wenn ich beide Bücher vorlesen werde, muss ich zwischendurch einen warmen Tee trinken. Ich glaube, ich mache mir eine Kanne zum Mitnehmen.“ Auf Schlümmls Gesicht machte sich ein breites Grinsen breit. „Was erfreut dich denn so?“, wollte Herr Carlson wissen. „K A N N E!“ , sagte Schlümml, „Kanne hat wieder ein „E“ am Ende des Wortes und ich glaube, Karott könnte auf seinen Wanderungen eine Kanne für seinen Rucksack gut gebrauchen. Wir haben noch ein Geschenk!“ Herr Carlson nickte zufrieden und schlurfte in seine kleine Küche, um den Tee zu kochen.

 

 

12. Dezember

 

"Genauso eine Kugel habe ich gerade gesucht, Karott!", sagte Frau Lemming. "Ich möchte den Ast dort hinten in der Leseecke für Herrn Carlson ein bisschen gemütlicher machen. Komm, du kannst mir helfen, denn du hüpfst sicher höher als ich!" Dabei deutete Frau Lemming übermütig einen kleinen, etwas missglückten Hüpfer an.  Sie gingen in die Leseecke zu dem knorrigen, großen Ast, der tatsächlich noch sehr traurig aussah so kahl, wie er war. Karott nahm die Kugel und wollte gerade zu einem Sprung ansetzen, um sie oben auf den Ast zu hängen, da blieb er wie angewurzelt stehen und hielt Frau Lemming die Kugel unter die Nase. "K U G E L !", sagte er, "hören Sie, was ich höre?" Frau Lemming klatschte in die Hände, wobei sie leider vergessen hatte, dass sie gerade noch zwei Bücher in den Händen gehalten hatte, die nun mit Gepolter auf den Boden fielen. "Ja, Kugel hat auch ein "E" vor dem "L"!  Na, Schlümml kann sich ja wirklich freuen, so viele Geschenke, wie er bekommen wird!"

Karott nahm wieder Anlauf für einen Sprung und nun hing die Kugel direkt über dem blauen Lesesessel.  "Nun kann Herr Carlson kommen," sagte Frau Lemming zufrieden. 

 

 

13. Dezember

 

Als Karott die Bücherei verlassen hatte, nicht ohne Frau Lemming zu versprechen, dass er sie bald wieder besuchen würde, beschloss er, seinen Freund Schlümml anzurufen und zu fragen, ob sie sich auf dem kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz von Ratzhausen treffen wollen. Schlümml, der auch gerade aus dem Buchladen zurückgekommen war, nicht ohne Herrn Carlson zu versprechen, ihn bald wieder zu besuchen, war sofort von der Idee begeistert gewesen und sie verabredeten sich bei Einbruch der Dunkelheit. „Dann sieht man den schön geschmückten Brunnen und die Lichter der kleinen Buden noch besser,“ hatte Karott vorgeschlagen. Die beiden Freunde freuten sich, sich wieder einmal zu sehen. Karott schnüffelte durch die Nase und zog den guten Duft, der über den Marktplatz zog, ein: „Hmm, riech mal, da vorne gibt es Waffeln. Ich lade dich auf eine Waffel mit Puderzucker ein, komm!“ Da sagte Schlümml nicht nein, denn Waffeln liebte er über alles. „Aber danach gibt es noch eine Zuckerwatte, da lade ich dich ein, einverstanden?“ Karott rieb sich schon die Pfoten und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Als sie am Waffelstand anstehen mussten und sie beide die Beleuchtung über dem kleinen Stand bewunderten, musste Karott plötzlich grinsen. „Warum freust du dich denn  so?“ , wollte Schlümml wissen. „Das kann ich dir leider nicht sagen“, antwortete Karott und zog bedauernd die Schultern hoch, aber sein Grinsen behielt er im Gesicht. „Aha“, erwiderte Schlümml verwundert und auch fast ein wenig verärgert, „ das kannst du mir also nicht sagen. Hm, dann eben nicht“, und er schaute nicht mehr ganz so freundlich über den Marktplatz.

 

 

 

 

14. Dezember

 

Die Waffeln schmeckten so gut, wie ihr Duft es versprochen hatte und weil sie gar so lecker waren, hatte auch Schlümml  seine gute Laune wieder zurück.  Er und Karott schlenderten noch ein bisschen über den Weihnachtsmarkt, lauschten der Musik und schnuffelten die verschiedenen Gerüche von allen Seiten ein, bevor sie zum Zuckerwatten-Mann gingen. " Zuckerwatte, frische Zuckerwatte! Lecker und süß, Zuckerwatte!", rief der Zuckerwatten-Mann und drehte ein Holzstäbchen im Zuckerwatten-Automat. Plötzlich sagte Schlümml langsam und mit einem breiten Grinsen im Gesicht: "Z U C K E R WA T T E!". Karott sah ihn von der Seite an und fragte vorsichtig: "Alles in Ordnung, Schlümml? Du wusstest doch, dass wir hierher gehen, wieso bist du jetzt so erstaunt, dass es hier Zuckerwatte gibt?" "Jaja, alles in Ordnung", sagte Schlümml und kicherte vor sich hin. "Und wieso kicherst du so?", wunderte sich Karott. "Das kann ich dir leider nicht sagen", lachte Schlümml. Da wurde Karott ärgerlich. "Das ist doch jetzt nur die Rache, weil ich dir vorhin nicht sagen konnte, warum ich mich gefreut habe. Das ist ja kindisch, Schlümml, nun sag schon!" Doch Schlümml hob nur bedauernd die Schultern und schüttelte den Kopf. Nun machte Karott wirklich ein Gesicht, das eher nach sauren Gurken als nach Zuckerwatte aussah und er mampfte seine süße Leckerei mit einer grimmigen Falte zwischen den Hasenohren. Als Schlümml sah, dass Karott nun wirklich beleidigt war, wurde er auch ärgerlich. "Wer ist denn nun kindisch? Jetzt sei doch nicht so nachtragend, wir können doch auch mal ein Geheimnis voreinander haben!" "Ph, hab du nur dein Geheimnis. Ich dachte, wir sind Freunde. Freunde haben kein Geheimnis voreinander." Und noch bevor Schlümml sagen konnte, dass er doch als Erster damit angefangen habe, war Karott schon mit hocherhobenen Ohren davongestapft.

 

 

 

 

15. Dezember

 

Der Vorlesenachmittag in der Bücherei war rundum gelungen gewesen. Es waren viele Kinder zum Zuhören gekommen und alle hatten so toll zugehört, dass Herr Carlson tatsächlich seine beiden mitgebrachten Bücher vorlesen konnte. Frau Lemming hatte am Ende noch für alle eine Tüte Plätzchen gehabt und als die Bücherei wieder leer war, hatten sie und Herr Carlson noch eine ganze Weile zusammen gesessen, sich unterhalten und dabei den Tee aus der Kanne von Herrn Carlson getrunken.. Dabei kam heraus, dass Karott zusammen mit Frau Lemming auf Geschenkesuche für Schlümml ist und Schlümml widerum mit Herrn Carlson nach Geschenken für Karott sucht. "Diese beiden", sagte Herr Carlson lächelnd, " das sind wirklich gute Freunde! So etwas gibt es nicht so oft!". "Ja", sagte Frau Lemming, " Das wird bestimmt eine schöne Weihnachtsüberraschung für die zwei. Und wir beide verraten nichts!" Sie wussten ja nicht, dass sich die Freunde zur gleichen Zeit in ziemlich übler Laune getrennt hatten und beide sauer aufeinander waren. Als Herr Carlson schon fast durch die Drehtür der Bücherei war, gab er der Tür noch einmal einen kleinen Schubs und kam zurück. "Was machen Sie eigentlich an Weihnachten?", fragte er Frau Lemming, die noch die Sitzkissen in der Leseecke aufräumte. "Ach, ich werde es mir mit einem Buch gemütlich machen und etwas Gutes kochen. Und Sie, Herr Carlson?" "Hm ja, ich auch. Ich habe noch einige Bücher, die ich noch nicht gelesen habe", murmelte Herr Carlson. Dann verabschiedete er sich.

 

 

16. Dezember

 

"Pling-Plong" machte die Türglocke in der Krämergasse und dann gleich noch einmal "Pling-Plong", so heftig hatte Schlümml die Tür mit einem kräftigen Schubs aufgestoßen. Herr Carlson, der gerade noch hinter einem Berg Geschenkpapier und roter Schleifen verschwunden war, schaute erschrocken hoch, wobei ihm ein rotes Geschenkband mitten über dem Kopf hing. "Schlümml!", rief er, " warum bist du denn so stürmisch? Oh oh, du siehst aber gar nicht gut gelaunt aus!", fügte Herr Carlson dann etwas besorgt hinzu. " Dabei habe ich noch ein Wort mit unserem "E" am Ende gefunden, willst du es hören?" "Ich brauche keine Wörter mit "E" am Ende mehr. Keine Wörter und keine Geschenke!", brummelte Schlümml. "Aber wieso denn das so plötzlich?" Herr Carlson richtete sich nun ganz auf und sah Schlümml verwundert an. " Du hattest doch so viele gute Ideen, über die sich Karott sehr freuen wird!" "Ich bin sauer auf Karott", brummelte Schlümml weiter, "er benimmt sich wirklich kindisch." Dann erzählte Schlümml, was auf dem Weihnachtsmarkt passiert war. Herr Carlson dachte eine Weile nach. Dabei ging er in dem kleinen Buchladen auf und ab. Was nicht so einfach war zwischen all den Büchertischen, Regalen und nun auch noch dem Geschenkpapier. Dann sagte er zu Schlümml: "Nun hilf mir erst einmal, diese Bücher hier zu verpacken, ich möchte sie meinen Kunden schenken, die das ganze Jahr über bei mir eingekauft haben. Ich kann nicht so schöne Schleifen binden. Dabei überlegen wir uns, was es vielleicht sein könnte, was Karott dir nicht sagen wollte." Doch Schlümml brummelte weiter: "Helfen kann ich Ihnen, aber was Karott angeht, will ich es gar nicht mehr wissen, was sein Geheimnis ist. Ph!" "Ohje`, dachte Herr Carlson, `das ist ja ernster als ich dachte.` Zu Schlümml sagte er nur: "Schau hier, so eine rote SCH L EI F E" soll um jedes Buch", und dabei betonte er das Wort Schleife extra langsam und deutlich.

 

 

17. Dezember

 

"Oinkioinkionkioing". Die Drehtür der Bücherei hörte überhaupt nicht mehr auf zu quietschen. Karott war mit so viel Schwung in die Drehtür hineingeschlüpft, dass er drei Runden drehte, bevor er endlich im Innern der Bücherei wieder herausschlüpfen konnte. "Holla!", rief Frau Lemming, " da hat aber jemand viel Energie heute!". Als sie aber sah, dass Karott ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter machte, fügte sie hinzu: "Oder hat da jemand vielleicht nicht so gute Laune?" Karott hatte seine Grummelfalten zwischen den Ohren, als er antwortete: "Wie kann man gute Laune haben, wenn der beste Freund Geheimnisse vor einem hat und das auch noch lustig findet?" Und er erzählte Frau Lemming, was auf dem Weihnachtsmarkt passiert war. Während Frau Lemming zuhörte, hatte sie Karott sanft in die kleine Teeküche der Bücherei geschoben. Dort stand ein großer Teller, auf dem sich ein ganzer Berg Mandeln türmte. "Ach komm Karott," sagte sie, " sicher gibt es dafür eine ganz einfache Erklärung. Schlümml wird es dir ganz bestimmt irgendwann verraten!" "Ph!", schnaubte Karott, "das ist gar nicht mehr nötig. Will gar nicht wissen, was er Geheimes hat!" Dabei schnippte er eine Mandel mit den Fingern gegen die Wand. "He, meine Mandeln!", rief Frau Lemming, "die will ich hier in diese Tütchen packen, die bekommen meine treuen Leser, die sich das ganze Jahr über Bücher ausgeliehen haben. Komm, hilf mir, dann kommst du auf andere Gedanken." Karott überlegte kurz, doch Frau Lemming schaute ihn so freundlich dabei an, dass er nicht "Nein" sagen konnte. "Und übrigens", lächelte Frau Lemming, "M  A N D E L . Hörst du? Ein "E" vor dem "L". "Ph", schnaubte Karott wieder, "mir doch egal."  Doch Frau Lemming konnte sehen, dass seine Grummelfalte schon etwas weniger tief war. Karott  nahm ein paar Mandeln, um sie in ein Tütchen zu packen, doch so ungefähr ziemlich genau jede dritte Mandel verschwand wie von selbst in seinem Mund und er zerkaute sie genüsslich.

 

 

 

 

 

 18. Dezember

 

Es hatte geschneit! Alles lag unter einer dicken weißen Decke aus Pulverschnee. Auch die Krämergasse war wie verzaubert und bei jedem Schritt, den Herr Carlson machte, knirschte der Schnee unter seinen Füßen. Herr Carlson freute sich so sehr über die weiße Pracht, dass er einen kleinen Sprung machte, wirklich nur einen ganz kleinen, so klein, dass es ein bisschen aussah, als ob er gestolpert sei. Auch einen Schneeball musste er machen, er konnte gar nicht anders. Als er nicht recht wusste, wohin dann mit dem Schneeball - denn werfen wollte er ihn in seinem Alter dann doch nicht mehr -, legte er ihn etwas verstohlen vor die Eingangstür des Buchladens. Es war noch zu früh, um den Laden zu öffnen, aber das war gut so. Denn Herr Carlson hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen. Er wollte auf einen Sprung zu Frau Lemming in die Bücherei, um mit ihr etwas zu besprechen. Und da wollte er im Buchladen noch schnell seine Wollmütze holen, die er am Tag zuvor dort vergessen hatte. Als er sie in der Eile vom Haken nehmen wollte, blieb sie hängen und der Haken riss ein Loch in die Wolle. „Oh nein“, dachte Herr Carlson, „meine schöne Mütze. Naja, was soll`s, warm hält sie ja auch mit Loch noch“. Er setzte sie auf und ging los. Er war kaum von der Krämergasse in Richtung Marktplatz abgebogen, kam ihm eine dick eingemummelte Frau Lemming entgegen. Aber was war mit ihr los? Sie humpelte ja! Herr Carlson knirschte noch ein bisschen schneller auf dem Schnee und fragte besorgt: „Haben Sie sich verletzt Frau Lemming? Oh, Entschuldigung, Guten Morgen natürlich auch!“ Frau Lemming lachte und hob die Hand, die in einem dicken Fausthandschuh steckte: „Nein, nein, nicht verletzt! Guten Morgen, Herr Carlson. Der Absatz meines Stiefels ist eben gerade abgebrochen, aber ich hatte keine Zeit, andere Schuhe anzuziehen. Außerdem habe ich nur dieses eine Paar Schneestiefel! Aber wohin wollen Sie denn so früh?“ Herr Carlson räusperte sich und sagte: „Wie gut, dass ich Sie treffe, ich wollte nämlich gerade zu Ihnen, um etwas mit Ihnen zu besprechen. Es geht um Schlümml und Karott.“ „Ach nein, wirklich? Das ist ja ein Zufall! Ich wollte nämlich gerade zu Ihnen, auch um etwas wegen dieser beiden zu besprechen!“ Sie lachten und beschlossen, im Buchladen einen Tee zu trinken und sich zu erzählen, was sie auf dem Herzen hatten. Und irgendwie sah es aus, als ob Herr Carlson auf dem Weg in den Buchladen noch einmal ein klein wenig gestolpert sei.

 

 

 

 

19. Dezember

 

Nicht nur Herr Carlson war begeistert von der weißen Schneeüberraschung. Auch Schlümml und Karott freuten sich, als sie an diesem Morgen aus dem Fenster sahen. Schnell schlangen sie ihr Frühstück hinunter und ohne voneinander zu wissen, stürmten sie fast zeitgleich aus ihren Häusern. Es gab oberhalb von Ratzhausen einen kleinen Weinberg mit einer großen abschüssigen Wiesenfläche. Das war ihr Treffpunkt für verschneite Wintertage. Und ohne lange zu überlegen, zog es beide zum Weinberg. Schlümml war zuerst dort und er wollte sich gerade auf seinen Schildkrötenpanzer drehen, um die erste Rutschpartie den Hang hinunterzumachen, da sah er zwei lange Hasenohren, eingehüllt in zwei gestrickte Ohrenwärmer, die Schlümml für Karott letztes Jahr gestrickt hatte. Schlümml stellte sich schnell wieder auf seine vier Beine und rief: " Karott! Hierher, ich bin hier!" Karott wurde schneller und strahlte, als er seinen Freund sah. "Schnee!", rief er, "ist das nicht wunderbar?" Beide hatten ganz vergessen, dass sie ja eigentlich sauer aufeinander waren. Sie fingen übermütig mit einer wilden Schneeballschlacht an, kullerten durch den Schnee und den Abhang hinunter, kämpften sich wieder hinauf und fingen von vorne an. Als beide ganz außer Puste waren, ließen sie sich einfach in den Schnee fallen und verschnauften. "Komm, wir bauen noch einen Schneemann," schlug Schlümml vor und sie machten sich ans Werk. Als sie drei große Kugeln aufeinander getürmt hatten, suchten sie Stöckchen für die Augen und den Mund.  Karott griff in seinen Rucksack und holte eine Karotte heraus. "Schau, die kommt doch wie gerufen", sagte er und drückte dem Schneemann die Karotte mitten ins Kugelgesicht. Sie betrachteten zufrieden den weißen Gesellen  und schwiegen eine Weile.  Dann sagte Karott: "Weißt du, Schlümml, eigentlich bin ich froh, dass ich Karott ohne "E" am Ende heiße. Wer will schon so heißen, dass jeder bei dem Namen an eine kalte Nase denkt?" Schlümml sah ihn überrascht an, legte den Kopf schief und sagte: "Hm, ich finde Karott auch schöner als "Karotte". Und er nahm einen Schneeball für eine neue Schneeballschlacht.

 

 

 

20. Dezember

 

Während sie ihren Tee im Buchladen tranken, berieten sich Frau Lemming und Herr Carlson, wie sie die beiden Freunde dazu bringen könnten, sich wieder zu vertragen. "Vielleicht sollten wir die Sache mit den Geheimnissen aufklären?", überlegte Frau Lemming. "Ach ich weiß nicht", entgegnete Herr Carlson, " es wäre doch zu schade, wenn sie schon vorher von ihren Geschenken füreinander wüssten." "Aber Karott kann ein ziemlicher Sturkopf sein", wandte Frau Lemming ein, " und wenn wir ihm sagen würden, wie nett Schlümml sich um Ideen für ihn kümmert, wäre er sicher besänftigt." "Hm, ich weiß nicht", war Herr Carlson immer noch nicht überzeugt. Während draußen immer noch leise die Schneeflocken rieselten, rührte Frau Lemming schweigend in ihrer Teetasse und Herr Carlson drehte gedankenverloren seine Mütze mit Loch in den Händen. "M Ü T Z E ", sagte da Frau Lemming plötzlich in die Stille hinein. Herr Carlson sah sie fragend an: "Mütze?", wiederholte er.

"Ja, M Ü T Z E, , ein "E" am Ende des Wortes!", sagte Frau Lemming und schmunzelte. Da musste auch Herr Carlson lächeln. "Und wissen Sie, was ich vorhin gleich gedacht habe, als sie mir von Ihrem Stiefel erzählt haben?" Nun schaute Frau Lemming etwas verständnislos über den Rand ihrer Tasse. "Na,  ST IE F EL!", sagte Herr Carlson langsam, " ein "E" vor dem "L" am Ende des Wortes!" Da mussten sie beide lachen. "Sie müssen sich einfach wieder vertragen, diese beiden! Und ich habe sogar noch eine Idee, die viel besser ist als die, Geheimnisse zu verraten!", sagte Frau Lemming selbst ganz geheimnisvoll und begann, Herrn Carlson ihre Idee zu erklären.

 

 

 

 

 

 

21. Dezember

 

Nach ihrem Toben im Schnee gingen die beiden Freunde zu Schlümml nach Hause und wärmten sich bei einem Kakao auf. Während sie von den Weihnachtsplätzchen naschten, die Schlümml noch übrig hatte, erzählten sie sich, was sie an den vergangenen Tagen gemacht hatten. „Und dann habe ich Frau Lemming erzählt, dass wir beide Streit haben“, schloss Karott seine Erzählung ab. „Ja, ich habe es Herrn Carlson auch erzählt, dass ich mich über dich geärgert habe.“ „Ich finde, wir sollten das richtigstellen, was meinst du? Die beiden sollen wissen, dass alles wieder gut ist“, schlug Karott vor. „Auf jeden Fall!“, stimmte Schlümml ihm energisch bei und fügte hinzu: „ Am besten, wenn wir das heute gleich machen, am Ende sorgen sie sich noch um uns.“ Nachdem sie beschlossen hatten, Heiligabend auf jeden Fall zusammen zu feiern und sie sich noch einmal fest umarmt hatten, gingen sie los.

 

Karott flog geradezu durch die Drehtür in die Bücherei hinein und das „Oinkionk“ klang fast wie ein Jauchzen. „Frau Lemming!“, rief Karott schon, bevor er den ersten Fuß in die Bücherei gesetzt hatte, „ich muss ihnen was…! „Ah, wie gut, dass du kommst,“ unterbrach ihn Frau Lemming, die gerade im Computer nach neuen Leseempfehlungen schaute. Sie ging auf Karott zu und noch bevor sie etwas sagen konnte, rief er: „Heute haben…“ Aber Frau Lemming war schon wieder schneller als er und sagte freudestrahlend: „Ich möchte dich einladen, Karott. Zum Heiligabend zu mir nach Hause. Es gibt auch etwas Leckeres zu essen.“ „Das ist furchtbar nett von Ihnen, Frau Lemming“, begann Karott, „aber es ist so, dass…“ „Ach Papperlapapp Kladeradatsch, keine Widerrede. Es wird sicher gemütlicher als allein zu Hause.“ „Aber ich …“ wollte Karott wieder anfangen, aber Frau Lemming ließ ihn einfach nicht ausreden: „Abgemacht, um 17 Uhr beginnen wir mit Weihnachten. Aber jetzt muss ich dringend meine Bestellungen aufgeben, sonst kommen die neuen Bücher nicht mehr rechtzeitig zum Januar.“ Und sie ließ Karott stehen.

 

 

22. Dezember

 

 

Schlümml stürmte in den Buchladen, dass die Türglocke nur so plingte und plongte. „Haalloo Herr Carlson!“, rief Schlümml, schon bevor er richtig im Laden war. „Herr Carlson?“ Er konnte niemanden sehen. „Hier, hier unten!“, hörte Schlümml da eine Stimme hinter dem Verkaufstresen und  im gleichen Augenblick erschienen zuerst  die grauen Wuschelhaare von Herrn Carlson und danach sein Gesicht, in dem die Brille ziemlich verrutscht auf der Nase saß. „Oh, Schlümml, du bist es!“ Schlümml begann: „Ich muss Ihnen etwas erzählen, unbe…!“ „Halt, erst muss ich dir etwas sagen! Ich würde dich gerne einladen, mit mir Weihnachten zu feiern!“, unterbrach ihn Herr Carlson. „Oh, das ist aber sehr lieb, vielen Dank, aber wissen Sie, was passiert ist? Ich habe…“. Weiter kam Schlümml nicht, denn Herr Carlson sagte schnell: „Am Heiligabend kommst du um kurz vor 17 Uhr hier zu mir in den Buchladen, wir machen es uns ganz gemütlich, du wirst sehen.“ Schlümml nahm noch einen Anlauf: „Wirklich sehr freundlich, Herr Carlson, aber ich denke, das geht…“So, nun muss ich weitersuchen, Schlümml, wir sehen uns dann am Heiligabend, sehr schön, sehr schön….aber wo habe ich nur die…“ Mehr hörte Schlümml nicht mehr, denn Herr Carlson war schon wieder hinter seinem Tresen verschwunden.

 

 

23. Dezember

 

Schlümml ging auf direktem Weg zu Karott und klingelte gleich drei Mal. Als Karott die Tür öffnete, stürmte Schlümml an ihm vorbei und ließ sich in der Küche auf einen Stuhl plumpsen. „Jetzt habe ich ein Problem, Karott!“, stöhnte er und stützte den Kopf in beide Hände. „Herr Carlson hat mich eingeladen, mit ihm Weihnachten zu feiern und ich kam nicht zu Wort, um zu sagen, dass ich doch schon mit dir verabredet bin. Bist du jetzt sauer?“, fügte er leise hinzu und schielte zu Karott hinüber. Der zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dicht zu Schlümml. „Das ist ja lustig“ sagte er kopfschüttelnd. „Genauso ist es mir mit Frau Lemming gegangen. Als ich ihr erzählen wollte, dass wir uns wieder vertragen, hat sie mich nicht ausreden lassen und am Ende bin ich aus der Bücherei und - Pardauz - war ich zu Heiligabend bei ihr eingeladen.“ Sie sahen sich an, schwiegen einen Moment und dann ging bei beiden zur gleichen Zeit ein breites Grinsen über das Gesicht. „Denkst du, was ich denke?“, fragte Karott. „Ja, ich glaube schon“, antwortete Schlümml gedehnt. „Na dann komm, lass uns keine Zeit verlieren!“, sagte Karott, während er schon aufsprang um Papier und Stift zu holen.

                                                                                                    *

Als Herr Carlson seinen Buchladen für die Mittagspause abgeschlossen hatte, ging er mit schnellen Schritten zum Weihnachtsbaum-Markt, wo Frau Lemming schon auf ihn wartete. „Ich habe schon einen wunderschönen Baum entdeckt“, rief sie Herrn Carlson entgegen, nahm ihn an der Hand und zog ihn hinter sich her zu einem sehr schön gewachsenen großen Tannenbaum. “Na, wie finden Sie ihn? Ist er nicht wundervoll?“ Für Herrn Carlson waren eigentlich alle Tannenbäume wundervoll, auch die kleinen, die krummen, die dünnen und die, die aussahen wie ein Würfel, so dick wie hoch. „Aber er stimmte Frau Lemming begeistert bei: „Ja, das ist der schönste Baum, den ich je gesehen habe! Und die beiden Ketten passen perfekt dran. Zum Glück habe ich sie noch gefunden.“ „Welche Ketten?“, wollte Frau Lemming wissen. „Ich hatte vor einiger Zeit mein Schaufenster mit einem Elfen- und Feen-Fest dekoriert und dafür hatte ich zwei Ketten, auf denen stand „Elfen- und Feen-Fest“ erklärte Herr Carlson. Frau Lemming runzelte ein wenig die Stirn und wollte gerade einwenden, dass sie den Baum eigentlich lieber mit Kugeln und Schleifen schmücken wollte, da zog Herr Carlson die Ketten aus der Tasche: „Die anderen Buchstaben habe ich alle weggeschnitten!“, sagte er stolz. Nun strahlte auch Frau Lemming und sie drückte dem verdutzten Herrn Carlson einen dicken Kuss auf die Wange.

Sie trugen den Baum  zu Frau Lemming und schmückten ihn zusammen. Herr Carlson bohrte noch drei kleine Extralöcher, um in kahle Stellen ein paar zusätzliche Zweige einzufügen- so war Frau Lmming zufrieden. „Und dann sagen Sie morgen einfach zu Schlümml, dass ich Sie eingeladen hätte und er doch einfach mitkommen solle, ich hätte ganz sicher nichts dagegen“, plante Frau Lemming emsig ihr Vorhaben. „Ja, und Sie sagen zu Karott einfach, dass ich auch mal vorbeischaue, weil ich ja sonst nichts vorhätte", freute sich Herr Carlson „Das wird eine  Überraschung, wenn die beiden sich dann zufällig treffen, ich freue mich schon jetzt auf ihre Gesichter.“

                                                                                                *

 

„So, noch schnell den Brief bei Herrn Carlson einwerfen, bevor er aus der Mittagspause kommt! Aber vorher lese ich ihn dir noch einmal vor, ob wir ihn so lassen können“, sagte Karott eifrig und las: „Lieber Herr Carlson, ich möchte Sie gerne einladen, mit mir Weihnachten zu feiern. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie morgen um 17 Uhr zu mir in die Birkenstraße 24 kommen würden. Ihre Anni Lemming.“ „Grandios!“ rief Schlümml, „nun ist Heiligabend gerettet!“ Und er rannte schnell in die Krämergasse, um den Brief rechtzeitig einzuwerfen.

24. Dezember

 

Pünktlich um kurz vor 17 Uhr kam Schlümml in die Krämergasse zum Buchladen. Sein Blick fiel auf den Briefkasten an der Hauswand und -oh nein! Da schaute der Briefumschlag noch hervor, den er gestern eingeworfen hatte. Herr Carlson hatte den Brief nicht gelesen! Auch das noch. Wie sollte er Herrn Carlson jetzt dazu bringen, mit ihm zu Frau Lemming zu gehen? Was sollte Karott denken, wenn er nicht kam? Während er noch ratlos vor dem Briefkasten stand, ging die Tür auf und Herr Carlson kam aus dem Laden. Gutgelaunt und ein bisschen aufrechter als sonst, so schien es Schlümml, rief er: „Pünktlich wie immer, Schlümml, auf dich ist Verlass!“ Schlümml setzte an zu sagen: „Schauen Sie mal hier, hier ist noch Post bei Ihnen im Kasten, wollen Sie den Brief nicht lesen?“ „Ach was, jetzt lesen wir keine Rechnungen, was anderes ist es sicher nicht“, winkte Herr Carlson ab und schubste den Brief tiefer in den Kasten hinein. „Aber vielleicht ist es etwas Wichtiges“, versuchte es Schlümml noch einmal. Aber Herr Carlson war schon im Laden verschwunden. Als Schlümml ihm mit hängendem Kopf folgen wollte, sah er, dass Herr Carlson seine Loch-Mütze vom Haken nahm. „So, und nun gehen wir. Ich habe nämlich eine Überraschung für dich!“ Und er wartete gar nicht ab, was Schlümml dazu sagte, sondern stiefelte los.

                                                                                                        *

Pünktlich um 17 Uhr klingelte Karott bei Frau Lemming. `Hoffentlich ist sie nicht sauer, dass wir einfach so Herrn Carlson zu ihr einschmuggeln`, dachte Karott, als Frau Lemming schon mit Schwung die Tür aufriss und ihn hereinbat. „Aber noch nicht in das Weihnachtszimmer!“ sagte sie lachend mit erhobenem Zeigefinger. „Außerdem muss ich dir noch etwas sagen“, fügte sie etwas verlegen hinzu. Karott spitzte die Ohren. „ Ich habe Herrn Carlson gefragt, ob er mit uns Weihnachten feiern möchte, er ist doch sonst so allein. Ist das in Ordnung?“ , fragte sie nun ziemlich leise. Karott traute seinen Ohren nicht. Wie, was, ja, natürlich hatte sie ihn gefragt, nein, eigentlich hatten Schlümml und er ja Herrn Carlson gefragt, wie denn jetzt? Sein Kopf brummte vom schnellen Nachdenken. „Ja, ja, natürlich, kein Problem“, sagte er schnell, ohne genau zu verstehen, was nun eigentlich los war. In diesem Augenblick klingelte es schon. Frau Lemming rannte zur Tür, um zu öffnen. „Tata! Hier ist sie, die Überraschung!“, rief sie und schob den immer noch etwas verwirrten Schlümml ins Zimmer. Hinter ihm kam Herr Carlson. „Na, was sagt ihr?“, klatschte Frau Lemming begeistert in die Hände. Stille. Nochmal Stille. Frau Lemming und Herr Carlson wechselten erschrocken einen Blick und so konnten sie nicht sehen, dass sich Schlümml und Karott zuzwinkerten und dann wie auf ein geheimes Kommando aufeinander zugingen und sich in die Arme fielen. „Ich weiß zwar nicht genau, wie, aber es ist alles gut gegangen“, flüsterte Karott seinem Freund dabei ins Ohr. Laut sagte er: „Was eine schöne Überraschung, dich hier zu sehen, Schlümml!“  „Ja, wunderbar“, rief auch Schlümml. Und alle vier sahen sich strahlend an.

Frau Lemming hatte ein köstliches Essen vorbereitet. Es gab Suppe, einen Auflauf aus Kartoffel und Karotte und zum Nachtisch Schokocreme nach einem Rezept ihrer Schwester Traudl, die weit weg auf Mauritius lebte. „Wem ist etwas aufgefallen?“, fragte Frau Lemming, als sie sich zufrieden zurücklehnte. Alle drei sahen sie fragend an. „Suppe hat ein „E“ am Ende, Kartoffel hat ein „E“ vor dem „L“ und das Beste: Schokocreme und Traudl haben kein „E“, wenn man sie ausspricht. Dabei sind das zwei wundervolle Dinge: meine Schwester und Schokocreme! Wer braucht schon ein „E“ im Namen? Ihr zwei seid genauso wunderbar auch ohne „E“, erklärte Frau Lemming und fügte leise hinzu: „Ihr drei, meine ich“.  „Frau Lemming, Sie sind einfach die Beste!“, sagten die drei Gäste im Chor.  Frau Lemming strahlte und stand auf: „So, dann darf ich jetzt ins Weihnachtszimmer bitten!“

 

                                                                       

Sie öffnete die Tür, hinter der ein wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum stand. „Es hätten ein paar Lichtchen mehr sein können“, meinte Frau Lemming , aber dafür leuchteten die Augen ihrer Gäste umso mehr. „Fröhliche Weihnachten!“ sagte Herr Carlson, stimmte das Lied „Süßer die Glocken nie klingen“ an und die anderen drei stimmten mit ein.

 

Und draußen vor der Tür standen ein paar neue Stiefel im Schnee und lag eine Mütze ohne Loch.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bilibu in Zeiten der Corona-Krise


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